Todesermittlung. Oder warum es Mörder oft all zu leicht haben.
Martin Grassberger, Harald Schmid: Todesermittlung. Befundaufnahme und Spurensicherung. Ein praktischer Leitfaden für Polizei, Juristen und Ärzte.
Springer Wien New York.
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In Deutschland bleibt jeder zweite Mord unentdeckt. Der Grund: Die gerichtsmedizinisch nicht geschulten Ärzte, die die Totenscheine ausstellen, übersehen wesentliche Anzeichen von Gewalteinwirkungen. Das ergab bereits vor Jahren eine große Studie.
Der Gerichtsmediziner und Pathologe Martin Grassberger und der Kriminalist Harald Schmid haben deshalb ein umfangreiches Kompendium zusammen gestellt, in dem sie u.a. Auffälligkeiten dokumentieren, die ÄrztInnen, JuristInnen und Polizei für das Erkennen nicht-natürlicher Todesfälle sensibilisieren sollen. Der Titel: Todesermittlung. Befundaufnahme und Spurensicherung (Springer 2009)
Die Todesursache, die im Totenschein steht, sagt oft wenig darüber aus, woran ein Mensch wirklich gestorben ist. Bis zur Hälfte aller Angaben im Totenschein sind falsch. Das haben Studien der letzten Jahre gezeigt. Je älter Menschen sind, umso wahrscheinlicher wird die Fehldiagnose für den Gerichtsmediziner und Pathologen Martin Grassberger.
"Spurenarme Delikte" nennen Experten Verbrechen wie jene durch Ersticken, die kaum Anzeichen von Gewalt hinterlassen - etwa winzige Einblutungen in den Augen, die ungeschulten Leichenbeschauern oft entgehen. Die Verlegenheitsdiagnose lautet dann besonders bei alten Menschen oft "Herzversagen".
Im Grund müsste ein Toter zur Feststellung der Todesursache bei sehr gutem Licht völlig entkleidet werden - was auch nicht immer passiert. Und eigentlich darf ein Totenschein nur ausgestellt werden, wenn die Todesursache zweifelsfrei geklärt ist:
Eine eigene Wissenschaft ist auch das Lesen von Leichenflecken. Sie sagen nämlich bedingt etwas über die Lage des Körpers zum Todeszeitpunkt aus, können sich aber in einem gewissen Zeitfenster noch ändern. Und auch ihre Farbe kann einen Hinweis auf die Todesart geben, etwa auf eine Vergiftung , wie die beiden Praktiker in ihrem umfangreichen Kompendium dokumentieren.
Es reicht von den medizinischen Grundlagen der Todesermittlung bis zur Spurenkunde. Selbst der Insektenbefall einer Leiche kann den Gerichtsmedizinern viel verraten.
Im Jargon der Kriminalisten spricht man von einem bedenklichen Todesfall, wenn die Todesursache nicht klar ist. Chefinspektor Harald Schmid hat im Lauf seiner 40jährigen Karriere, lange Jahre als Gruppenführer einer Tatortgruppe, viele unklaren Todesfälle erlebt - zum Beispiel Brandleichen, die sich später als Mordopfer entpuppten, weil man erst nach der Entfernung der Kopfhaut die Spur eines Schürhakens im Kopf entdeckte.
Einen Mordbrand nennen die Kriminalpolizisten diese Art Verschleierungstaktik des Mörders.
Für die einen ist "Todesermittlung" vielleicht ein überaus spannendes Fach-Buch, das zeigt, wie viele und welch subtile Spuren die letzten Sekunden und Minuten eines Menschen an seinem Körper hinterlassen.
Nach dem legendären Werk "Handbuch für Untersuchungsrichter", mit dem Hans Gross 1893 die wissenschaftliche Kriminalistik begründet hat, ist der Band von Grassberger und Schmid mehr als 100 Jahre später das erste selbständige Nachfolgewerk für Polizei, Juristen und Ärzte.
Andererseits ist "Todesermittlung" auch ein Buch mit politischer Sprengkraft, weil es zeigt, wie wichtig für den Rechtsstaat der allerletzte medizinische Blick auf einen Menschen ist.
Denn einer der zentralen Sätze im Buch lautet: "Immer häufiger wird die Wahrheitsfindung nicht nur bei Kapitaldelikten zu einer schlichten Kostenfrage".
