iBrain

Gehen fundamentale soziale Tugenden wie die Fähigkeit zu Mitgefühl durch unsere immer schnellere digitale Welt verloren? Gary Small, Neurowissenschafter an der University of California, hat bei seinen Untersuchungen zumindest Hinweise dafür gefunden.

Moderne Kommunikationswerkzeuge wie das Internet formen das Gehirn so wie Training im Fitnessstudio den Körper formt. Neue technologische Fähigkeiten, etwa schnell mit Informationen aus verschiedenen Quellen umzugehen, können soziale Fähigkeiten wie etwa das unbewusste Vermögen, den Gesichtseindruck eines Menschen richtig einzuschätzen, vermindern, legen Smalls Hirn-Untersuchungen mit Hilfe von bildgebenden Verfahren nahe. Morgen wird Gary Small bei den Alpacher Technologiegesprächen über sein neues Buch Ibrain referieren, in dem er seine Thesen über die unterschiedliche Gehirnentwicklung zwischen Internetvertrauten und digitalen Einwandern - das ist die Generation 35+ - darlegt. Franz Zeller hat in Alpbach mit Gary Small gesprochen.

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Wenn das Gehirn mehr Zeit mit der Bedienung technischer Systeme verbringt, treten andere Hirnfunktionen, etwa soziale Fähigkeiten, in den Hintergrund - weil sie ja weniger trainiert werden, meint Gary Small. Leute, die mit dem Computer aufwachsen, passen sich dem digitalen Biotop an. Auf der Ebene des Gehirns bedeutet dies, dass die Nervenbahnen für schnelle Entscheidungen verschaltet werden, weniger dafür, zum Beispiel die Emotionen seines Gegenübers vom Gesichtsausdruck abzulesen:

Beim Lesen einer Buchseite werden ganz andere Nervenbahnen aktiviert als wenn Sie Ihr Email lesen. Wenn wir mit einer Tätigkeit sehr viel Zeit verbringen, stärkt dies die dafür zuständigen Neuronen und die notwendigen Verschaltungen im Gehirn, die Zahl der Synapsen nimmt zu; wenn wir etwas NICHT oder NICHT OFT machen, schwächt dies jene Nervenbahnen, die die entsprechende Tätigkeit kontrollieren.

Im Schnitt verbringen amerikanische Teenager 9 Stunden pro Tag vor dem Computer. Leute wie etwa die englische Neurowissenschafterin Susan Greenfield stimmen da schnell in einen Chor von Kulturpessimisten ein. Greenfield warnte etwa davor, dass das intensive Leben in der digitalen Welt "das Gehirn der Teenager infantilisiert und auf den Stand kleiner Kinder zurückwirft". Small beobachtet das Geschehen etwas nüchterner, auch wenn es beunruhigende Daten gibt:

Kürzlich wurde eine Studie vorgestellt, die ich morgen auch in Alpbach präsentieren werde. Dabei hat man an ein paarhundert jungen Leuten getestet, wie schnell sie den emotionellen Gehalt eines Gesichtsausdrucks erkennen. Eines zeigte sich ganz deutlich: Wenn die Leute unmittelbar zuvor viel Zeit mit einem Gewaltspiel verbracht hatten, brauchten sie viel länger, um den Gesichtsausdruck richtig zu deuten.

Andererseits, so Small, könne man die digitale Technologie auch nicht einfach verteufeln. Es gäbe zum Beispiel Computerspiele, die Kindern mit einer Aufmerksamkeitsstörung helfen, sich besser zu konzentrieren, andere Spiele wiederum fördern Problemlösungskompetenzen.

Dass junge Menschen Freundschaften nur mehr via Computer pflegen, ist zwar ein gern bemühter Unkenruf der Techno-Pessimisten, in der Realität aber die Ausnahme und bei weitem weniger häufig als Alkoholismus.

Eine einseitige Fixierung auf digitale Kommunikation hätte aber tatsächlich eine Reihe negativer Folgen, so Small:

Natürlich ist das ein Phänomen, das primär junge Leute betrifft. Das sind die digitalen Eingeborenen, die mit dem Computer aufgewachsen sind. Sie haben ja noch keine Zeit gehabt, sich entspannt offline zu unterhalten so wie die älteren digitalen Einwanderer, die die Technologie erst lernen mussten. Die digitalen Eingeborenen können sich in sozialen Netzwerken wie Facebook ausgezeichnet mit ihren Freunden verständigen, aber ihr Gehirn ist ja auch noch nicht vollständig ausgebildet. Das GEhirn eines Heranwachsenden hat nicht dieselben Fähigkeiten, mit einem anderen Menschen mitzufühlen, wie das Gehirn eines Menschen im mittleren Alter. Der Frontallappen, der für das Denken zuständig ist, ist noch nicht voll entwickelt. Im präfrontalen Kortex wird das analytische komplexe Denken kontrolliert oder das vorausschauende Planen.

Es gibt eine ganze Generation junger Leute, die Aberstunden damit verbringen, ihre Fähigkeiten mit Hilfe der neuen Kommunikationsmittel zu perfektionieren, aber nie die Präfrontal-Kompetenzen trainieren oder die Fähigkeit, Emotionen im Gegenüber zu erkennen. Da stellt sich natürlich die Frage: wie schaut diese Generation in 10, 20 Jahren aus. WErden wir eine andere Gesellschaft haben, die weniger empathisch ist oder nicht in der Lage sein wird, komplexe Probleme zu lösen?

Aber das, so gibt Gary Small zu, ist vorläufig nur eine Denkfigur, da man sich Medien und Technologien ja aneignen kann und ihnen nicht unterworfen ist. Daheim mit seinen Kindern gibt es zum Beispiel technologiefreie Zeitzonen, etwa kein Internet rund um die Essenszeit. Außerdem: wenn man wolle, dass die Kinder lernen miteinander zu reden, dann muss man auch selber mit ihnen reden:

Nach den familiären Diskussionen über IBRAIN, Gary Smalls neues Buch, habe sein Sohn immerhin behauptet, er sei jetzt stärker beim Diskutieren.

Es steckt schon eine große Ironie dahinter, dass wir das Internet und diese ganzen Technologien, die ich sehr schätze, entwickelt haben, um Zeit für kreativere Dinge frei zu machen und fürs Nachdenken. Aber was ist passiert? Wir sind buchstäblich in die Technologie hinein gezogen worden. Sie packt uns beim Belohnungs-System im Gehirn und verändert unsere Dopamin-Regelkreise. Die Technologie macht Spaß und wir sehen sofort Effekte. Deshalb verbringen wir sehr viel Zeit damit, statt zu anderen Arbeiten zurück zu kehren. Wir unterbrechen ständig unsere Denkarbeit und unsere Arbeitsabläufe. Wir erledigen alles nebeneinander, stakkatoartig, und hüpfen von Idee zu Idee. Wir lehnen uns nicht mehr zurück um zu sinnieren oder konzentriert über ein Problem nachzudenken. Und das, so argumentieren manche, ist für Kreativität unbedingt nötig.

Jene, die jetzt das Abendland in unpersönlichen Bits und Bytes untergehen sehen, beschwichtigt Gary Small allerdings. Die Technologie, mit der wir via Computer zischenmenschliche Beziehungen pflegen, indem wir kurze Botschaften in die tasten tippen und schriftlich quasi reden oder uns via Kamera wie mit Videotelefonie verständigen - diese Technologie ist noch nicht das Gelbe vom Ei. Die Zukunft wird uns möglicherweise wieder mehr körperliche Kommunikation bringen:

Diese Debatte, dass wir durch die digitale Kommunikation Fähigkeiten im direkten zwischenmenschlichen Bereich einbüßen, wird sich mit dem Fortschritt der Kommunikationstechnologien von selber erledigen. In der Zukunft werden wir kein Email mehr verwenden, sondern wahrscheinlich mit einem Hologramm, mit einem virtuellen Individuum in 3-D kommunizieren. Ich werde dieses Interview dann mit Ihrem Computerbild führen, das so realistisch und detailliert ist, dass ich den Unterschied zur echten Person gar nicht mehr merken werde.

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Gary Smalls Buch "iBrain. Wie die neue Medienwelt Gehirn und Seele unserer Kinder verändert" ist im Kreuzverlag erschienen.