"Herzlos"-Rezension von Martina Jung, Radio Orange

Martinas Buchtipps im Mai 2011 - Link zum Sendearchiv von Radio Orange

„Herzlos“ von Franz Zeller beginnt – wie so mancher Krimi – mit nicht nur einer, sondern mit zwei Leichen. Die eine war Patientin eines Krankenhauses. Die andere ein unsympathischer Arzt, weshalb man als Leserin / als Leser insgeheim hofft, dass die Kripo den Mörder laufen lässt. Das wiederum ist bei einem Krimi kaum möglich. Und deshalb wird am Ende auch in „Herzlos“ der Zusammenhang zwischen den beiden Toten aufgeklärt und der Täter ordnungsgemäß überführt.

 

Wie es zur Ergreifung des Mörders kommt, unterscheidet „Herzlos“, erschienen im Verlag Pendragon, von handelsüblicher Krimiliteratur:

Einerseits ist der Plot so differenziert aufgebaut und die Verdächtigen sind derart undurchsichtige Charaktere, dass sich der wahre Täter erst spät heraus kristallisiert. Andererseits sprüht das Buch geradezu vor Witz und Salzburger Charme – nicht nur in den Dialogen.

Der Autor versteht es, seine Figuren auf die Leser als dreidimensionale Personen wirken zu lassen. Obwohl sie gerade mal 250 Seiten Platz haben, sich zu offenbaren und daher kaum Zeit für charakterliche Entwicklung bleibt, merkt man dennoch, dass sie sowohl eine Vorgeschichte als auch eine Zukunft besitzen. Für den Moment sind alle Figuren – vom Protagonisten Franco Moll bis zur äußersten Randfigur – stimmig festgehalten. Sogar manche Namen sind meiner Meinung nach außergewöhnlich. Über den Nachnamen „Oberhollenzer“ bin ich beim Lesen etwa 100 Seiten lang „gestolpert“.

 

„Herzlos“ ist keine Lektüre, die man als Vielleser „so nebenbei verschlingen“ sollte. Dafür sind Franz Zellers markante Ausdrucksweise und sein wortgewandter Erzählstil zu einzigartig. Sein herausragendes Gefühl für Sprache und Pointen machen „Herzlos“ zu einem kurzweiligen Erlebnis.

Der Autor kann allerdings auch ernst, beinahe philosophisch sein und hält in diesem Sinn seiner Leserschaft nachhaltig, aber mit einem „Augenzwinkern“ den Spiegel vor. Die Art, wie er – mit wenigen Worten – z.B. den Seniorennachmittag im Pfarramt schildert, verdient die Bezeichnung „absolut genial“!

 

Auch wenn die kulinarischen Aktivitäten von Kommissar Franco Moll durchaus amüsant wirken, so beschäftigt er sich meines Erachtens ein bisschen zu viel mit Kochen und Essen. Ich frage mich, ob Autor Franz Zeller selbst Hobbykoch ist oder am Ende gar seinen Beruf verfehlt hat … Seine Hauptfigur Franco Moll – polizeilicher Ermittler mit Leib und Seele und liebevoller, treusorgender Vater zugleich – ist als Mensch jedenfalls derart glaubhaft dargestellt, dass es sich lohnt, weitere Krimis mit ihm als Hauptfigur zu lesen.

 

Martina Jung für Orange 94.0