Zettels Sturz
Bernd Himmel war jederzeit für Späße gut gewesen. Jetzt lag der Schauspieler in einer bunten Pluderhose im Toscaninihof neben dem Seiteneingang zum Festspielhaus, überall um ihn herum Blut.
Das Kichern einer blonden Erscheinung, die eben aus der Tür zur Felsenreitschule kam, verebbte schnell, als sie Himmels seltsam deformierten Kopf sah. Das Blut kam nicht aus einer versteckten Patrone, sondern aus Himmels Schädel. Nach einem theatralischen Schrei sprangen auch die Gäste im Gastgarten des Lokals "Felsenkeller" von ihren Sesseln auf. Es dauerte nicht lange, und es fand sich ein zweites blondes Wesen, das den Tod Himmels beweinte.
Inspektor Feichtinger schätzte Einsätze am Wochenende ganz und gar nicht. Jetzt zur Festspielzeit kam man in der Salzburger Innenstadt nicht einmal mit Blaulicht zwischen den Menschenmassen durch. Also wanderte er gemächlich die Philharmonikergasse hinauf. Hinter einem großen offenen Eisentor im Festspielhaus sah er Bühnenarbeiter einen mächtigen Baum zusammensetzen. Theater, das war nichts für ihn. Er stand mehr auf die Art Vorführung, die er einmal in der Woche im Maison Carmen bekam.
Der Arzt war schon da. "Keine Ahnung, ob er da runter gehüpft ist oder ob wer nachgeholfen hat." Der junge Mediziner deutete auf die Toscaninistiege, die am Festspielhaus entlang auf den Mönchsberg führte. Immer wieder hüpften Lebensmüde die 15 Meter hinunter in den Toscaninihof.
"Irgendwer muss ja was gesehen haben, oder?", fragte Feichtinger in die Runde.
Die Schaulustigen schüttelten den Kopf. Ein junger Mann mit theatralisch-lächerlichem Ziegenbart erklärte in schönster Bühnensprache, dass just, als Himmel von selbigem gestürzt war, eine Kolonne Oldtimer vor dem Festspielhaus vorbei gefahren war und mit zahlreichen Fehlzündungen auf sich aufmerksam gemacht hatte, sodass offenbar keiner der Gäste sah, was hinter ihrem Rücken passierte.
"Bernd Himmelfreundpointner heißt der Herr", meldete sich ein Uniformierter zu Wort und deutete auf die Felsenreitschule. "Schauspieler." Feichtinger schickte den Mann auf den Berg. Vielleicht fanden sich bei der Absturzstelle Spuren oder Zeugen.
Erst jetzt bemerkte Feichtinger die zwei dünnen schluchzenden Wesen, die mit wehenden Schleiern behängt zu beiden Seiten des Toten standen. "Himmel", stieß der Hungerengel rechts unter Tränen hervor.
"Was Himmel?"
"Sein Künstlername. Alle Welt kannte ihn so. Er spielte den Zettel im Sommernachtstraum".
"Wie kann man einen Zettel spielen", brummte der Kommissar und schüttelte den Kopf.
Feichtinger wurde langsam ungehalten, weil die Geschichte nach Arbeit zu stinken begann. "Servus Josef", hörte er eine Stimme hinter sich. Es war Gitti, eine dralle Frau von 40 Jahren, die Feichtinger als Kellnerin aus einem Lokal in der Vorstadt kannte. Jetzt servierte sie im Felsenkeller. Gitti winkte ihn zu sich und flüsterte ihm ins Ohr.
"Der Himmel ist bei jeder Nachmittagsvorstellung knapp vor der Pause um dreiviertel vier auf den Mönchsberg spaziert. Um sich zu sammeln."
"Warum weißt du das?"
Gitti grinste. "Er hat bei uns häufig Sommerspritzer gekippt. Und als Kellnerin erfährt man viel - von Geld- bis zu Beziehungsproblemen. Du weißt ja - Geliebte, Mutter und Beichtstuhl."
Feichtinger glaubte sich zu erinnern, dass er mindestens eine der Rollen mal in Anspruch genommen hatte bei Gitti.
Himmel schien trotz seines unförmigen Leibes bei Frauen sehr beliebt gewesen zu sein.
"Am besten fragst du die beiden Gespielinnen Himmels", sagte Gitti jetzt laut und deutete auf das Tränenpärchen. "Die haben sich in den letzten Wochen ein Match um ihn geliefert. Einmal haben sie hier sogar gerauft."
"Sei ruhig, du fette Hexe. Hast ihm ja selber auf den Arsch gegriffen, sobald er seinen Hintern vom Sessel gehoben hat", schrie jetzt das linke Magermodell.
Feichtinger winkte die zwei Mädchen in den Schatten. Die Schauspielschülerinnen spielten in wortlosen Nebenrollen in Titanias Gefolge im Sommernachtstraum mit.
Der missmutige Kommissar konnte die beiden Bohnenstangen nur über die Stimme auseinander halten. Karoline Keller klang wie eine Kettenraucherin, obwohl man das ihrem fragilen Körper nicht zugetraut hätte. Lena Nemecek hingegen piepste ein wenig.
"Er hat mir gehört, Nemecek. Ich hatte Himmel zuerst. Es hätte ein guter Sommer werden können."
Keller funkelte ihre Kontrahentin an und riss sich die Perücke vom Kopf. Darunter kam glattes schwarzes Haar zum Vorschein.
"Deswegen hast du ihn ja runter gestoßen", schrie Lena Nemecek. "Du warst gekränkt, weil er mich vorgezogen hat. Wer war denn beim letzten Auftritt nicht mehr im Gefolge, weil ihr angeblich so schlecht war?"
Keller stemmte die Hände in die Hüfte. "Na und? Die Kellnerin, das Luder, hat mir mittags alte Mayonnaise zum Toast gegeben. Außerdem hatte ich keine Ahnung, wo Bernd hin wollte. Er ist ja immer zehn Minuten vor uns abgegangen. In der Pause ist er schon mit einem Spritzer an der Bar gestanden und hat mit der Kellnerin geschäkert. Die war ihm ja auch völlig verfallen."
"Das sagst du nur, weil du nicht wahrhaben willst, dass er dich wegen mir stehen gelassen hat", sagte Nemecek nun mit deutlich weniger Überzeugungskraft.
Keller stülpte wieder ihre blonde Perücke über.
"Du hast doch gewusst, dass er es mit dir genauso gemacht hat wie mit mir. Das hat dich zutiefst gekränkt. Hat er dir nicht eine Rolle in seiner Molière-Inszenierung im Schloss Porzia versprochen? Und wollte plötzlich nichts mehr davon wissen? Ich hab euch in der Garderobe belauscht."
Nemecek zuckte zusammen.
"Da schau." Gitti hatte sich unbemerkt genähert und reichte Feichtinger ein kleines Bier. "Sonst drückst du die beiden Mörder-Schlampen sowieso nicht durch."
In diesem Augenblick kam der Uniformierte zurück. "Spurenmäßig schaut's schlecht aus, Herr Kommissar. Aber ich habe hier jemanden " - er zog einen kleinen Mann im weißen Sommeranzug zur Gruppe - "der genau gesehen hat, wer Himmel hinunter gestoßen hat."
Eine der Frauen zuckte merklich zusammen.
Frage: Wer von den Frauen ist die Täterin?
