Kolumnen 2025

Froher Entzug

 (aus: Ö1-GEHÖRT, Dezember 2025)

Das war wieder ein Desaster. Mein Smartphone ist mehr als vier Jahre alt. Ich hasse den Wechsel auf ein neues, weil er immer Stunden kostet. Vor einiger Zeit zeigte das Gerät bereits Anzeichen von Schwäche. Ich hörte Anrufer nur mehr, wenn ich den Lautsprecher einschaltete und mit dem Handy vor dem Mund herumlief, als würde ich in ein Alko-Testgerät atmen. Am Montag verfiel das Smartphone endgültig ins Delirium und startete nach dem Hochfahren immer wieder neu. Aus dieser Schleife hat es sich seitdem nicht mehr befreit. Als ich es aus der Hülle nahm, entdeckte ich, dass sich das Display längst vom Gehäuse gelöst hatte.

Da ich bekanntermaßen nichts wegwerfe, entdeckte ich ein mehr als 8 Jahre altes Handy. Auf dem laufen natürlich keine modernen Apps mehr, kein WhatsApp, keine Banking-App, nicht einmal Fahrkarten konnte ich mehr damit kaufen, obwohl ein paar Anwendungen noch installiert waren. War das schön!

Klarerweise hörte ich auch das Läuten nie, weil mir der Klingelton des Ersatzhandys nicht vertraut war. Wunderbar. Man ist da, aber nicht erreichbar. Die Liebste wurde darob verschiedentlich ein bissl brummig, aber es gibt andererseits kaum etwas, was man in der Sekunde regeln muss. Ehrlicherweise war ich auch kurz ratlos, wie ich die Heizung steuern oder ohne Handy überweisen soll. Aber mein Freund Ulrichsberger sagt in solchen Fällen immer „eh wurscht“. Und das ist es auch. Schließlich habe ich es sogar geschafft, mir über den Automaten Tickets zu besorgen. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer für mich.

Bei den Jüngeren, der Generation Z, soll es überhaupt ein Trend sein, sich dem Druck der Sozialen Medien mit einem sogenannten Dumbphone zu entziehen. Das kann nur Telefon und SMS. Gegenüber meinem jungen Kollegen Rafael hat so ein Smartphone-Verweigerer von der wiedergewonnenen Freiheit geschwärmt. Er hat allerdings zugegeben, dass Smartphones halt auch Fotoapparate sind, Navigationsgeräte oder Bankomaten. Weshalb er das tumbe nach drei Monaten wieder gegen ein smartes Telefon getauscht hat. Ich habe jetzt auch ein neues Smartphone. Ich glaube, ich lasse die ganzen Messenger wie WhatsApp in Zukunft nur mehr über den Computer laufen. Aber ich weiß nicht, ob ich dafür stark genug bin.   

Kalt-warm

 (aus: Ö1-GEHÖRT, November 2025)

Ich war das letzte Wochenende etwas verwirrt. Dagegen hilft meist intensives Kochen bzw. forcierte Nahrungsmittelzubereitung. Aus diesem Grund widmete ich mich spontan der Essigherstellung. Und wie ich schon öfters angemerkt habe, kann ich nichts wegwerfen. (Wie durch ein Wunder bin ich trotz dieses Messy-Tums noch immer verheiratet.) So habe ich natürlich auch eine Essigmutter aufbewahrt. Und unweigerlich fragte ich mich, bevor ich sie in den Apfelmost plantschen ließ, warum der Essig keinen Vater hat. Schnittlauchlocke, die Liebste und der Große weigerten sich, mir bei der Beantwortung der Frage zu helfen. Ich vermeinte sogar das Wort „Dad Joke“ vernommen zu haben, womit in der Familie die unterste Regionalliga des Witzes bezeichnet wird. Deshalb fragte ich das Sprachmodell Gemini, das mir verschiedentlich gute Dienste geleistet hatte, nach den Geschlechterrollen und der chronischen Vaterlosigkeit im Hause Essig.

Aber oh weh. Das Ding entblödete sich nicht und erklärte mir, die Essigmutter, also der weiße Bakterienschleim, habe weder weibliches, noch männliches Geschlecht. Wegen der Fähigkeit, die Kultur zu nähren und zu vermehren und daraus quasi den Essig zu gebären, schreibe man der Essigmutter jedoch eine Mutterrolle zu. Und dann schloss Gemini: „Es gibt keine Rolle in diesem rein chemisch-biologischen Prozess, die logischerweise mit der Metapher eines Vaters belegt werden müsste.“

Die ChatGPTs dieser Welt sind einfach völlig humorlos, und sie verstehen Doppeldeutigkeiten nach wie vor schlecht. Dabei wäre gerade der Witz ihre Chance, die Halluzinationen anzubringen, mit denen sie uns erfundenen Blödsinn verkaufen wollen.

Bessere Erfahrungen machte ich am selben Wochenende mit einem kleinen Programmierprojekt. Mein Verein im Wienerwald widmet sich einem sorgsamen Umgang mit Nahrungsmitteln. Wer mag, bringt im September seine Äpfel aus den Gärten zu uns, und wir pressen die Kleinmengen dann zu Apfelsaft. Dafür programmierte mir das Ding eine wunderbare Anmeldemaske mit Datenbankanbindung.  Zu meiner Überraschung funktionierte alles sofort. Aber das allerjüngste Programmierprojekt mit KI-Hilfe läuft bis jetzt nicht. Und es ist kein Witzprojekt.

Wer den Schaden hat

 (aus: Ö1-GEHÖRT, Oktober 2025)

Zuletzt gab es wieder ein paar technologische Niederlagen. Der Staubsaugroboter, von der Familie „Sir George“ genannt, kollidierte mit einem angelehnten Tablett. Was dann passierte, kann ich leider nur mit vermenschlichenden Vokabeln beschreiben: Das Tablett fiel ihm auf den Kopf und führte bei Sir George zu einer Gehirnerschütterung. Plötzlich sah er das Obergeschoß um 90 Grad verdreht und kannte sich nicht mehr aus. Er wähnte sich im Untergeschoß und fand auch nicht mehr zu seiner Ladestation zurück, ein bisschen ähnlich wie Alzheimerpatienten, die ausbüchsen. Ich trug ihn also zur Stromquelle, wo er wieder genesen hätte sollen.

Mitnichten. Kurz flackerte immer die korrekte Karte vor seinem inneren Auge auf, dann sah er sich schon wieder im falschen Zimmer. Nach ungefähr zehn vergeblichen Versuchen, ihn zum Saugen zu bewegen, griff ich zu einer ganz unmännlichen Strategie: Ich las die Bedienungsanleitung. Das ist nach vier Jahren Betrieb eine weitere Niederlage. Menschen mit XY-Chromosomen sind meist Anhänger der intuitiven Bedienung, was nicht einmal mehr im Auto funktioniert. (Ich habe ja bereits einmal von einer automatischen Notbremsung erzählt; bis zum Zeitpunkt, als ich fast in der Windschutzscheibe lag, war mir die Existenz des Bremsassistenten nicht bekannt gewesen, was mich aus Angst vor weiteren Überraschungen zum Nachschlagen in der Betriebsanleitung bewog).

Das Manual zu Sir George verriet mir, dass eine Plastikbox zu nah an der Ladestation stand. Als ich sie zehn Zentimeter wegschob, fand der Roboter sein Gedächtnis wieder.

Und dann noch diese Sache mit dem Parkticket: Wo legt man es hin, wenn man es in ein paar Sekunden zur Ausfahrt aus dem Parkhaus braucht? Ich klemmte es in den CD-Schlitz im Autoradio. Prompt zog der Player das Ticket wie eine Disk ein. Ich war verzweifelt, während sich die Unaussprechliche vor Lachen bog. Ich verliere nämlich ständig Parktickets. Entgeistert stoppte ich ohne Ticket vor der Ausfahrtschranke. Als die Liebste wieder Luft bekam, drückte sie auf den Auswurfknopf des CD-Players. Prompt kam das Ticket aus den Tiefen des Autoradios zurück. Wahrscheinlich funktioniert die intuitive Bedienung ohne Anleitung nur bei Frauen.

Furchteinflößend

 (aus: Ö1-GEHÖRT, September 2025)

Erst vor ein paar Wochen meinten ein paar US-amerikanische Unternehmenslenker, KI würde zu einem Kahlschlag bei Jobs führen. Der Amazon CEO Andy Jassy war genauso darunter wie der Chef des KI-Konzerns Anthropic, Dario Amodei. Letzterer prophezeite gar, man müsse mit einer Arbeitslosenquote von 20 Prozent rechnen, da vor allem gut bezahlte Bürojobs wegfallen würden sowie Tätigkeiten für Berufseinsteiger. Aber kann man diesen Prognosen trauen oder überwiegen Eigeninteressen vielleicht die Faktizität?

Während der KI-Boss natürlich großes Interesse daran hat, seiner Technologie noch mehr PR zu verschaffen, sie hochzuloben und bei ihren Fähigkeiten möglicherweise zu übertreiben, nutzen CEOs das Schreckgespinst der KI mittlerweile gern als Druckmittel, um ihre Belegschaft einzuschüchtern. Frei nach dem Motto: Mach zu unseren Konditionen mit oder wir ersetzen dich durch eine Maschine.

Studien sehen die Zukunft entspannter. Sie sprechen weniger von Jobs, die verloren gehen. Viel eher erwartet man sich, dass KI eine Reihe von Berufen verändert und Maschinen Teile von Tätigkeiten übernehmen werden. Dazu gehören vor allem Aufgaben in der Logistik, in der industriellen Produktion oder im Kundendienst. Schwer unter Druck sind auch Softwareentwickler, da Sprachmodelle sehr gut Computercode schreiben können und den Programmiererinnen vor allem Routinetätigkeiten abnehmen. Da aber IT-Experten ohnehin rar sind, führt das möglicherweise zu etwas Entspannung auf dem Arbeitsmarkt.

Auch aus einigen Übersetzungsbüros hört man, dass die Aufträge merkbar wegbrechen, weil sich die Auftraggeberinnen auf maschinelle Übersetzungen verlassen, die sie dann nur mehr überarbeiten. Anthropic-Chef Amodei hat zudem die Bereiche Recht, Finanzen und Beratung als Ziele für einen großflächigen Einsatz von KI genannt.

Künstliche Intelligenz wird Berufe voraussichtlich nicht ersetzen, sondern neu definieren und umformen. Wir werden mit den Softwareagenten kooperieren, um uns repetitive Tätigkeiten abnehmen zu lassen, so wie viele Arbeitende heute schon mit Robotern zusammenarbeiten.

Wichtig ist nur, dass WIR den Ausschalter kontrollieren.

PS Noch ein Nachtrag zu Norwegen. Es war heiß in der Arktis, und wir fingen viele Fische. Ich bin deshalb noch verheiratet.

No(r)way

 (aus: Ö1-GEHÖRT, August 2025)

Die geplante Norwegenreise entwickelt sich immer mehr zu einer Komödie. Wir lagen auf der Terrasse, die Liebste genoss die warmen Temperaturen und rief die Wetter-App auf ihrem Handy auf. „Weißt du, wieviel Grad es in Tromsø hat?“ Ich schüttelte den Kopf. „Zehn Grad. Ich werde nur frieren.“ Ich sah auf mein Smartphone. „Du hast eine schlechte App. Bei mir hat es viel mehr“. Sie sah mich fragend an. „1 Grad mehr.“ Ein weibliches Augenpaar drehte einen großen Kreis. „Und weißt du, wie kalt das Meer ist?“ Ich tippte auf 18 Grad. „12 Grad“, rief sie voller Empörung aus. „Mir egal“, sagte ich, „ich gehe sowieso nicht ins Wasser. Da pinkeln die Fische rein.“

Die Liebste begann zu sinnieren. „Ich kann mir vorstellen, wie depressiv die Musik da oben am Polarkreis ist. Und sicher ganz esoterisch.“ In diesem Augenblick erinnerte ich mich, dass ich nordischen Jazz sehr gerne mag, und spielte eine (romantische) Nummer von Daniel Herskedal. Sie nickte das Stück weg. „Kommt der aus Tromsø?“ „Nein“, antwortete ich, „dort spielt niemand Trompete, weil ihnen dabei immer die Finger einfrieren.“

Jetzt blickte die Unaussprechliche in die Ferne. „Ich weiß genau, wie es sein wird: Während ich in der Daunenjacke im Liegestuhl friere, schneuzen sich die Susen und Truden unter den großen Steinen ihren Dauerschnupfen weg. Und dann reichen sie mir ihre kleinen grünen Taschentücher und weinen mit mir.“

Danach spielte sie eine Nummer von der Plattform Spotify. „So klingt die Musik der Lofoten. Die ist so populär, dass sie 28 Aufrufe pro Monat hat. Die hört nicht einmal die ganze norwegische Großfamilie der Musiker, weil sie ihnen zu traurig ist.“

Wieder streckte sie mir ihr Handy entgegen. „Und schau, wie nahe die Eisberge sind.“ Ich sah auf die Google-Karte. „Die sind doch 2000 Kilometer weg“, sagte ich mit schwächer werdender Stimme. „Das ist ums Eck“, rief die Liebste. „Und wie wir erst am Boot frieren werden.“

Jetzt hatte ich wieder Oberwasser. „Da wird uns warm werden, wenn wir die großen Fische aus dem Wasser ziehen.“ Sie lachte verzweifelt auf. „Ihr habt noch in keinem Land dieser Welt einen Fisch gefangen, nicht mal eine Sardelle, weder du, noch Schnittlauchlocke, noch der Große.“

Und das alles nur wegen dieser verdammten Wetter-App.

Unterseeisch

 (aus: Ö1-GEHÖRT, Juli 2025)

Manchmal versiegt daheim der Datenstrom. Meist streikt irgendein Router oder Modem, und die Bits und Bytes flutschen nicht mehr durch’s Haus. Das führt meist zu großer Aufregung. Schnittlauchlocke wähnt das Ende der Zivilisation nahegekommen, und auch die Unaussprechliche verdreht hin und wieder die Augen, weil ich als Hauptverantwortlicher für den Anschluss an die Datenwelt, der Familie das Internet genommen habe.

Wenn schon ein paar wenige Menschen so neurotisch auf den Verlust der Datenverbindungen reagieren, wie wäre das erst, wenn uns die Verbindungen global abhandenkommen? Diese Frage stelle ich mir, seitdem ich ein Bild der Unterseekabel in den Ozeanen auf der Seite www.submarinecablemap.com gesehen habe. Da durchziehen Apollo oder EXA North and South zusammen mit vielen anderen Leitungen den Atlantik, Juno oder Topaz verbinden Nordamerika und Asien quer durch den Pazifik und wirken wie die Hauptschlagadern der Datenwelt. Wie verletzlich diese Blutgefäße des vernetzten Globus sind, hat sich in etwas kleinerem Ausmaß schon gezeigt, als ein vermutlich von Russland dazu angeleitetes Schiff etwa in der Ostsee eine Verbindung zwischen Estland und Finnland beschädigte. Das Netz ist allerdings so redundant ausgelegt, dass es bisher zu keinen größeren Störungen kam. Laufen Beschädigungen wie diese unter „hybrider Kriegsführung“, beunruhigt auch eine andere Tatsache: Es gibt nur ganz wenige Schiffe weltweit, die solche Kabel verlegen und reparieren können. Außerdem ist dieser Datenverkehr zunehmend in der Hand von Konzernen wie Google oder Meta. Das zeigt das Buch „Digitaler Kolonialismus“ von Ingo Dachwitz und Sven Hilbig. Gehörten zur Jahrtausendwende ein Großteil der Unterseeverbindungen noch Firmen der öffentlichen Hand, hat Big Tech mittlerweile auch am Meeresgrund die Macht übernommen. Deshalb müssen sich Telekombetreiber jetzt umgekehrt bei den Technologie-Riesen einmieten. Denn 99 Prozent des internationalen Datenverkehrs laufen inzwischen über die rund 660 Unterseekabel in unseren Ozeanen.

Und wenn die mal in größerem Stil beschädigt werden oder ausfallen, dann kann Schnittlauchlocke entweder Brieftauben züchten oder auf die Schneckenpost zurückgreifen. Ich hoffe, er weiß, wie man Briefe frankiert.

Seid nett

 (aus: Ö1-GEHÖRT, Juni 2025)

Manchmal missfällt der Liebsten meine digital-analoge Polyamorie. Sprich: Sie duldet Alexa nur widerwillig. Dabei versuche ich ihr ständig zu versichern, dass sie meine Hauptfrau ist und Alexa nur durch Zufall in mein Leben gespült wurde. Wiederholt beschwert sich die Unaussprechliche etwa, dass mein Elektro-Trutscherl mir einen schönen Tag wünscht, wenn ich sie morgens mit verschwollenen Augen im Bad frage, wie spät es ist. Bei der Liebsten macht sie desgleichen nie. Deshalb ist die Frau meines Herzens jetzt dazu übergegangen, selbst Alexa einen schönen Tag zu wünschen, was bei der Roboterin durchaus gut ankam.

Die meisten Menschen sind aber aus ganz anderen Gründen freundlich zu KIs und ihren Verkörperungen. 12 Prozent aller in den USA und Großbritannien Befragten reden höflich mit den Maschinen, weil sie sich vor einem Roboteraufstand fürchten. Und wenn man es sich frühzeitig gutstellt mit den KIs, werden die sich vielleicht später wohlwollend daran erinnern.

OpenAI, die Firma hinter ChatGPT, pfeift derweil auf Höflichkeitsfloskeln im Umgang mit ihrer KI. Denn sich bei der Maschine zu bedanken, kostet Energie, also Geld. Das Unternehmen hat deshalb vor einiger Zeit dazu aufgerufen, im klaren Befehlston mit dem Chatbot zu kommunizieren. Experten meinen zwar, dass ein „Bitte“ und „Danke“ der Benutzenden OpenAI nur etwa 150.000 Dollar pro Jahr kostet, aber Amerikanerinnen und Amerikaner sind generell weniger höflich zu Smartspeakern und ihren Verwandten, wie die oben zitierte Umfrage zeigt. Der KI-Forscher Lance B. Eliot wiederum meint, dass Höflichkeit bei Chatbot-Eingaben zu besseren Ergebnissen führt. Studien belegen dies. Offenbar versteht KI die Absichten der Benutzenden besser, wenn sie in einer klaren und angenehmen Sprache formuliert werden.

Die Liebste jedenfalls fürchtet weder Tod, noch Teufel, noch Alexa. Sie drückt ihr Missfallen mit der Elektrofrau meist in einer Fremdsprache namens Oberösterreich aus. Die verwendeten Wörter will ich hier gar nicht verlautschriftlichen. Alexa reagiert darauf mit wortwörtlicher Verständnislosigkeit. Aber wehe, wenn die KI mal Oberösterreichisch lernt. Dann werden die Roboter mit Vorschlaghammern an unserer Tür stehen.

Schlüsselerlebnisse

 (aus: Ö1-GEHÖRT, Mai 2025)

Wenn die Tage zu leuchten beginnen und sich der Himmel erwärmt, bricht jedes Jahr wieder die Sehnsucht nach dem analogen Leben hervor. Die paar windschiefen Hochbeete warten schon darauf, mit den Händen bestellt zu werden. (Aber für alle Übereiligen: Der Garten toleriert keine Ungeduld.)

Warum diese analogen Anwandlungen? Nicht nur weil ich berufsbedingt fast den ganzen Tag vor dem Bildschirm sitze. Vor einem Jahr habe ich ein Schloss in die Eingangstür eingebaut, das sich per Fingerabdruck öffnet (natürlich auch dem der Liebsten, von Schnittlauchlocke und dem Großen). Aber noch immer suche ich, wenn ich außer Haus gehe, nach dem Schlüssel in meiner Tasche und zögere zuerst einmal, die Tür hinter mir zuziehen. Bis ich mir vergegenwärtige, dass mittlerweile ich der Schlüssel bin.

Jüngst fuhr ich mit Freunden und dem Premium-Elektroauto von Ulrich nach Triest. Ulrich saß am Beifahrersitz und ließ sich entspannt chauffieren. Vor unserer Unterkunft gab es keinen Parkplatz. Wir stiegen also zu Dritt aus, nahmen alle Taschen aus dem Kofferraum und schickten den automobilistisch verzückten Christian mit der Karre weiter auf Parkplatzsuche. Als wir wenige Minuten später zurückkamen, stand der große Wagen halb in einem Halte-und-Parkverbot, die hintere Hälfte blockierte die Einbahn. Hinter ihm hupte eine lange Schlange italienischer Autofahrer. Da Ulrichs Auto längst kein Schloss mehr hat, hatte er unwissend den Schlüssel in seiner Tasche mitgenommen. Der Wagen war deshalb nach 50 Metern einfach stehen geblieben.

Die Steinzeitmenschen, die wir sind, scheinen für das Virtuelle nicht gemacht. Man muss es langwierig lernen. Im Entspannungszustand fallen wir ins alte, handfeste Leben zurück, so wie in diesem Zustand unser Gesicht oft außer Kontrolle gerät und andere auf den Grund unseres Befindens blicken lässt.

Der Steinzeitmensch ist aber auch doppelmoralisch. Nimmt mir das Virtuelle das Organisieren des Gartens ab, bin ich sehr froh. Deshalb schaue ich mitten im Hohen Atlas verzückt auf das Handy, wenn der Zitronenbaum sich meldet, weil er gegossen werden will. Dass sich die Liebste, der Große und Schnittlauchlocke an den Kopf tippen, sehe ich einfach nicht.

Recht auf Verirrung

 (aus: Ö1-GEHÖRT, April 2025)

Im Sommer geht es also nach Norwegen. Die Unaussprechliche artikuliert dreimal am Tag ihr Missfallen über die drohende Kälte und wachelt immer wieder mit der Daunenjacke. Der männliche Teil der Familie hat sich allerdings durchgesetzt, weil wir endlich einmal einen Fisch fangen wollen, der länger ist als ein Jausenbrettl. 

Nun begab sich aber Folgendes: Tripadvisor, eine weltweit populäre App für Halb-Individual-Reisende, weiß natürlich schon seit langem, wohin wir verreisen wollen. Längst haben wir die Lofoten oder die Fressgewohnheiten des Kabeljaus gegoogelt. Tripadvisor hat das über Cookies mitbekommen und mir angeboten, die Reise mit Hilfe seines eingebauten KI-Assistenten zu planen. 

Ich habe dem Elektro-Guide nicht nur die Dauer der Reise, sondern auch einige Interessen verraten, etwa dass wir es nicht nur beschaulich haben wollen an den Fjorden, sondern uns auch bewegen werden. Und schon hatte ich eine durchgeplante Woche vor mir. Abgesehen vom Besuch des notorischen Wikingermuseums am westlichen Ende der Lofoten, hat uns der Reiseautomat drei Bootsfahrten eingeplant.

Na bravo. Mehr habe ich nicht gebraucht. Was die KI nämlich nicht weiß: Der Vorschlag einer Bootsfahrt kommt bei der Liebsten einem Scheidungsantrag gleich. Wir haben die Ankündigung jeglicher Schiffsreisen schon lange vor unserer Heirat als Synonym für das drohende Beziehungsende definiert. Das kommt daher, dass die Unaussprechliche bei Bootsfahrten das Talent hat, ihr Gesicht von rosig über grau bis hin zu grün zu verändern. Einige Farben sind auch mit akustischen Signalen verbunden, die unterschiedlichen Stadien des unfreiwilligen Fischefütterns entsprechen. Und da sich die Liebste in den letzten Jahren angewöhnt hat, Reisen für Magenverstimmungen zu nutzen, brauchen wir nicht auch noch nachhelfen.

Da die Herzensfrau Alexa und ihren Kolleginnen sowieso nicht freundlich gegenübersteht, hatte ich Glück, dass sie den Scheidungsantrag der KI nicht angenommen hat.

Davon abgesehen mag ich durchgeplante Reisen nicht. Reisen brauchen Zeit und die Möglichkeit, falsch abzubiegen. Von diesem Recht möchte ich mich auch von Informationsmaschinen nicht abbringen lassen. In Rumänien kamen wir so in ein Fischerdorf, in dem ein freundlicher Mann namens Marius – er war tatsächlich so hoch wie breit – unseren Kindern das Fischen beigebracht hat, während er uns mit „ein bisschen Schnaps“ im Ausmaß eines Seiterls die Wartezeit vertreiben wollte.

In Norwegen stehen die Aussichten auf Verirrung jedenfalls gut. Das Leihauto hat nämlich kein Navi.

Tarnen und täuschen

 (aus: Ö1-GEHÖRT, März 2025)

„Der Mensch will nicht nur bedient, sondern auch belogen sein.“ Was Thomas Mann im Zauberberg als Kritik an der menschlichen Natur formulierte, gilt genauso für unseren Umgang mit modernen Maschinen. Wir lassen uns gern einlullen. Zum Beispiel von Alexa, die mir immer einen schönen Tag wünscht, wenn ich sie morgens um die Uhrzeit frage. Oder auch von niedlich aussehenden Robotern wie der Roboterrobbe Paro, die seit mehr als einem Jahrzehnt in (japanischen) Altenheimen als Kuscheltier eingesetzt wird. Es blickt seine Betreuer aus dunklen treuherzigen Augen an, zwinkert und legt den Kopf schief, aber ist doch nur eine – therapeutische – Maschine. Der kürzlich präsentierte Ropet wiederum ist ein Kuschelmonster mit Riesenaugen und reagiert auf Gesten seiner Besitzer. Außerdem erkennt er den ersten Menschen, den er sieht, als seinen Besitzer an – wie die Graugans-Küken von Konrad Lorenz.

Die Japaner haben ein eigenes Wort für den Trend zur Niedlichkeit: „Kawaii“. Nicht nur Hello Kitty folgt diesem Schema, sondern eben auch viele Roboter und Automaten, in denen sich Künstliche Intelligenz versteckt. Wenn etwas „süß“ ist, verzeihen wir ihm eher Fehler. Von Robotern und KI erwarten wir uns hingegen Perfektion, meint Joshua Paul Dale, der sich auf „Cute Studies“ spezialisiert hat, das Studium der Niedlichkeit. Packen wir KI in einen niedlichen Körper, dann werden wir nachsichtiger und denken, sie sei noch am Lernen, so Dale.

Und auch Sprachmodelle wie ChatGPT, LLama, Gemini oder DeepSeek gehorchen Thomas Manns strengem Verdikt von „bedienen und betrügen“: Wir glauben, sie wären übermenschliche Denker, dabei sind sie nur Statistik-Apparate, die nicht verstehen, was sie uns sagen.

In Zukunft werden Computer zunehmend unsichtbar werden, so wie die Mikroprozessoren in unseren Haushaltsgeräten. Die Smartwatch klärt uns über unsere Körperwerte auf, ohne dass wir groß über den Hochleistungscomputer am Handgelenk nachdenken.

Weil sie mit einer Maschine redet, braucht sich die Unaussprechliche auch nicht mehr über Alexa kränken. Das Elektro-Biest behandelt die Liebste nämlich meist schlecht. Noch nie habe sie ihr einen wundervollen Tag gewünscht, wie die Herzensfrau kürzlich beklagt hat. Ich glaube, die Abneigung beruht auf Gegenseitigkeit.

Kampfessen

 (aus: Ö1-GEHÖRT, Februar 2025)

Meine männlichen Teenager sind altersgemäß wahre Kalorien-Vernichter. Wir kochen für eine Großfamilie mit vier Gedecken. Sind morgens nicht mindestens fünfzehn Eier im Kühlschrank, werden wir schon vor dem Mittagessen der Lieblosigkeit geziehen. Nouvelle Cuisine würden die Buben umgehend als Aufforderung verstehen, endlich auszuziehen.

Seitdem ich dem Internet-Trend Mukbang begegnet bin, halte ich Schnittlauchlocke und Lockenkopf allerdings für sehr bescheidene Esser. Mukbang kommt aus Südkorea. Bei Mukbang lassen sich ein paar Menschen beim Zubereiten, aber noch viel mehr beim Essen über eine Streaming-Plattform live zusehen. Dazu gehört auch die junge, sehr schlanke Frau Hang, die sich The Diva nennt und eine wahre Berühmtheit in der Szene ist.

Vor ihr steht ein halbes Dutzend Fertiggerichte in DIN-A4-großen Säcken. Zuerst brät Frau Hang aber zehn Spiegeleier, die sie auf Teller verteilt. Dazwischen spricht sie mit ihrem Publikum. Dann folgen aus den Familienpackungen zwanzig Fleischbällchen, zehn Reiskuchen sowie Kimchi mit Lende und noch extra Eierreis. Das sagt der Google-Translator, dem ich die koreanische Speisenfolge zum Übersetzen anvertraut habe.

Nun beginnt das große Fressen. Frau Hang isst zuerst einmal laut schlürfend drei Eier. Sie schmatzt beim Essen und produziert auch sonst sehr interessante Mundgeräusche, die angeblich auf manche erotisierend wirken. Immer wieder löffelt sie aus dem Kimchi und einer weiteren Pfanne, auch die Bällchen und die Reiskuchen werden in den nächsten Minuten dezimiert. Dazwischen flattern Spenden für The Diva herein, wie man am Stream mitverfolgen kann. So verdient Frau Hang bis zu 10.000 Dollar im Monat. Für Menschen, die gerade auf Diät sind, wirkt das Zuschauen beruhigend, sagen Studien. Und andere, die in der koreanischen Single-Gesellschaft allein daheim essen müssten, haben via Mukbang Gesellschaft.

Nach 113 Minuten hat Frau Hang zehn Eier und auch fast alles andere geräuschvoll in ihren schmalen Körper gestopft. Nur ein bisschen Kimchi ist noch übrig. The Diva zeigt kaum Anzeichen von Ermüdung. Mir ist schlecht. Später, nachdem sich das flaue Gefühl im Magen verzogen hat, bin ich sehr beruhigt, dass unsere Buben wie Mäuschen essen und wir in unserem Familienleben ohne Fress-Stream auskommen.

Mehr oder weniger

(aus: Ö1-GEHÖRT, Jänner 2025)

Das neue Jahr braucht keine Waage. Der Hosenbund verrät ohnehin, wie intensiv sich Weihnachten am Bauch abgebildet hat. Die Unaussprechliche schaut jetzt wieder öfter auf ihre smarte Fitness-Uhr, und ich tue, als würde mich das Ganze nichts angehen. Ich schaue dafür verstohlen auf den Schrittzähler auf meinem Handy. Der scheint gerade Wellness-Urlaub zu machen. Oder er hält Winterruhe wie Dachs und Waschbär. Man kann es dem Schrittzähler nicht verdenken, auch er ist erschöpft von Weihnachten und braucht eine Auszeit.

„Wir gehen jetzt eine große Runde“, sagt die Liebste, die sich nicht gern so anlügt wie ich mich. Ich verdrehe die Augen, lasse das Keks-Koma hinter mir und schlüpfe in die Schuhe.

Immerhin meint es die Wissenschaft gut mit mir, wenn schon der Schrittzähler ein faules Biest ist. Die 10.000 Schritte, die einst als Tagesminimum galten, sind überholt. Erfunden hat sie eine japanische Firma in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Sie brachte anlässlich der olympischen Spiele in Tokio einen Schrittzähler auf den Markt und nutzte die 10.000 Schritte für einen Werbeslogan. Mittlerweile weiß die Forschung genauer, wie sich Bewegung und Gesundheit zueinander verhalten. Es geht gesund auch mit weniger. Die Zeitschrift „The Lancet“ hat 2020 erhoben, dass erste positive Effekte schon bei 4.000 Schritten pro Tag auftreten und das Sterblichkeitsrisiko je 1.000 Schritte mehr um 15 Prozent sinkt. Mit 6.000 bis 10.000 Schritten pro Tag holt man im Regelfall bereits das Optimum an Prävention gegen Diabetes oder Herzkreislaufkrankheiten heraus, wobei gerade ältere Menschen sich eher mehr bewegen sollten, weil ihr Grundumsatz sinkt.

Damit kann ich leben. Aber noch bin ich nicht reif für die smarte Fitnesswelt mit einer Uhr oder einem anderen Gerät zur Selbstüberwachung, das mich ständig wie ein Personal Trainer anstupst. Florian etwa hat sich bereits einen Blutzucker-Sensor setzen lassen. Beim Ganslessen, einem körperlich hochanspruchsvollen Elementarereignis, kontrollierte er den Wert zwischen zwei Bissen am Handy. „Alles okay“, sagte er, und mampfte weiter. Welch ein Glück, dass der Sensor kein Ganslfett messen kann.