Abfall, aber kein Müll

Jährlich 180 Kilogramm Lebensmittelabfall pro Europäer

Zum ORF-Schwerpunkt „Lebensmittelverschwendung“/ Mutter Erde (April 2016)

 

Mitte November. In einem Café am Wiener Margaretengürtel trifft sich ein halbes Dutzend Leute zum „Lebensmittelretten“. Wir haben uns via Facebook verabredet.  Jeder hat einen Rucksack oder kleinen Trolley mit. Wenig später schlendern wir, geführt von der 50jährigen Sozialarbeiterin Eva, durch den fünften Bezirk. Mit einem 2000er-Schlüssel, der in Wien viele Müllräume sperrt, öffnet sie den Abfallraum eines Diskonters. Rechtlich ist das Grauzone. Aber was wir dann in den 700-Liter-Containern finden, wirkt auf eine andere Art nicht ganz „rechtens“: Kiloschwere Stücke Chinakohl, an denen nur ein einziges Blatt Spuren von Fäulnis zeigt, liegt neben Netzen von Orangen. Auch dort muss nur eine Frucht aussortiert werden.  Dazu kommt originalverschweißter Parmesan, noch lange vor dem Ablaufdatum, tadelloser Paprika, jede Menge Joghurt und sogar Bio-Dinkelbier, das erst in einem halben Jahr das Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht. Am meisten Probleme haben die Supermärkt mit Brot- und Backprodukten, die sich die Käufer auch noch um sechs Uhr abends knackfrisch erwarten. Auch aus diesem Grund landet in Wien so viel Brot im Müll wie Graz konsumiert.

Innerhalb kürzester Zeit sind alle Rucksäcke von uns Mülltauchern voll. Dabei ist der Lebensmittelhandel gar nicht der größte Nahrungsmittelverschwender. Im Schnitt wirft jeder europäische Konsument 50 Kilogramm Lebensmittel pro Jahr in den Abfall – aufgrund falscher Einkaufsplanung oder einfach, weil er das Mindesthaltbarkeitsdatum falsch versteht: es gibt nur an, wie lange ein Lebensmittel mindestens genießbar ist, dokumentiert also nur die untere Grenze seiner Haltbarkeitsspanne.  Eva, die regelmäßig dumpstern geht, hat  viel Erfahrung mit den tatsächlichen Haltbarkeiten. Joghurt etwa ist meist zwei Monate länger genießbar als angegeben.

Ein Teil der Lebensmittelverschwendung im Haushalt mag auch daran liegen, dass Kochen aufgrund von Zeitmangel immer mehr zu einer Luxustätigkeit wird. Entsprechend leidet auch das kulinarische Know How. Darum werden selbst von Gemüse oder Obst nur mehr wenige Teile verwendet. Der Stiel von Brokkoli oder Karfiol wandert in die Tonne, statt kleingeschnitten verkocht oder zu einer Suppe verarbeitet zu werden.

Besonders drastisch ist das Missverhältnis zwischen Erzeugung und Nutzung in der Fleischindustrie. Martin Hablesreiter von der auf fooddesign spezialisierten Künstlergruppe honey & bunny hat bei einem großen Schlachtbetrieb nachgefragt, wie viel eines Rindes weggeworfen wird. Die Organe bereits abzogen, werden von einer Kuh unglaubliche 40% vernichtet bzw. verbrannt, 30% gehen in die Wursterzeugung und nur 30% kommen als Fleisch in den Verkauf.

Dies alles summiert sich in der EU auf fast 100 Millionen Tonnen Lebensmittel, die jährlich im Müll landen. Das sind 180 Kilogramm pro Person. Eine unglaubliche Verschwendung von Ressourcen. Zum Beispiel verschlingt die Produktion von einem Kilo Rindfleisch 15.000 Liter Wasser. Oder in CO2-Äquivalenten ausgedrückt: Lebensmittelabfall verursacht in der EU so viele Treibhausgase wie die Niederlande.

Die geretteten Lebensmittel, die Eva am Tag nach dem Dumpstern an Bedürftige oder Sozialprojekte weitergibt, sind nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber ein starkes Zeichen, den Wert hinter der Nahrungsmittelproduktion zu überdenken.