Kolumnen

Seit Mai 2014 schreibe ich monatlich Kolumnen über das digitale Leben für die Ö1-Zeitschrift Gehört.

(Hier sind jene aus den Jahren 2014, 2015 und 2016 nachzulesen)

 

Bitte reparieren!

(aus: Ö1-GEHÖRT, Mai 2017) 

Es war klassische Selbstüberschätzung. Böse Zungen würden behaupten: typisch männlich. Ein Knopf am Handy der Liebsten hatte den Geist aufgegeben. Das hat dieses Modell angeblich so an sich. Statt das Smartphone in den Shop zu bringen, organisierte ich mir über den Ersatzteildealer meines Vertrauens, ifixit.com, einen neuen Knopf und machte mich dann mit Hilfe eines YouTube-Videos ans Reparieren.

Aber für’s Reparieren sind solche Elektrogeräte heute nicht mehr gedacht. Wie sonst kann man Schrauben bauen, die nur etwa einen Millimeter groß sind? Die lassen sich nicht einmal mit Pinzette vernünftig wechseln. Außerdem musste ich das ganze Handy zerlegen, Kamera, Antenne und viele andere Innereien herausnehmen, um den primitiven Knopf auswechseln zu können. Viereinhalb Stunden später hatte ich das Ding wieder zusammengeschraubt. Leider mit Kollateralschaden: nun funktionierte der zweite Knopf am Handy nicht mehr. Die Liebste klebte die übriggebliebenen Schrauben mit Tixo aufs Telefon und brachte es einem technikkundigen Kollegen. Der war ob des Reparaturversuchs angeblich fassungslos und wollte sie aus Mitleid gleich adoptieren.

Glücklicherweise gibt es für derlei technische Wagnisse auch Profis abseits des Bekanntenkreises. In ganz Österreich haben sich Repaircafés und –werkstätten etabliert. Ihr Mantra: reparieren statt wegwerfen, um schonender mit wertvollen Ressourcen umzugehen.

Wer trotzdem selbst Hand anlegen will: How-To-Videos boomen im Netz. Irgendwo findet man immer eine Anleitung, wie ein technisches Problem zu lösen ist. So spürte sogar ich den gut verborgenen Sicherungskasten in meinem Auto auf.

Schweden zeigt gerade vor, wie man auch als Staat das Reparieren forcieren kann: durch eine Förderung von Wiederinstandsetzungen und einen Verzicht auf die Mehrwertsteuer bei Reparaturen.

Das Know How für die Erzeugung langlebiger Geräte sei ohnehin da, sagte mir kürzlich der Leiter eines Reparaturzentrums und deutete auf eine 50 Jahre alte funktionsfähige Waschmaschine. Eine alte Frau hatte sie ihm geschenkt. Daneben stand ein Billigstgerät um 300 Euro. Sein Trommellager aus Plastik war kaputt. Die Reparatur hätte mehr als die Maschine gekostet.

 

Robotersteuer

(aus: Ö1-GEHÖRT, April 2017) 

Nun hat sich auch Bill Gates, der reichste Mann der Welt und ein bekennender Techno-Optimist, dafür ausgesprochen, Roboter zu besteuern. Sein Hauptargument: Wenn jemand in einer Fabrik Arbeit im Wert von 50.000 Dollar verrichtet, dann bezahlt er auf Basis dieser Arbeit Lohnsteuer oder Sozialversicherung.

Ein Roboter muss sich hingegen nicht um die Solidargemeinschaft kümmern. Er scheffelt nur in die Tasche seines Besitzers. Und Einkommen aus Vermögen ist bekanntlich im Vergleich zur Arbeit sehr gering besteuert.

Auch ein Bericht der EU zur Schaffung von Robotergesetzen denkt eine solche Roboterbesteuerung an. Schließlich hängt ein großer Teil des Wohlfahrtsstaates von Steuern aus Arbeit ab, von der Gesundheitsversorgung bis zur Bildung. Aber wer soll noch in diesen Topf einzahlen, wenn die Arbeit immer weniger wird, weil Automaten sie übernehmen?

Kürzlich besuchte ich für eine Reportage den Karosseriebau von Audi in Ingolstadt: Ich fühlte mich in Science Fiction-Filme der 90er versetzt, wie die orangen Industrieroboter dort, nervösen Vögeln gleich, ihre Hälse streckten, nach Blechteilen griffen, sie schweißten, falzten, klebten. Und ab und zu dazwischen ein Mensch, der dem Roboter zureichte. 98% der Arbeit erledigen in diesem Teil des Autobaus bereits Automaten, sagte der Leiter des Karosseriebaus, obwohl die Geräte natürlich von Menschen programmiert werden müssen.

Es geht um Geschwindigkeit, auch auf Seiten der Gesellschaft. So sieht Bill Gates Robotersteuern zusätzlich als Bremse, um die immer rascher einziehende Automatisierung zu verlangsamen – damit wir uns daran gewöhnen können.

Dass Automaten Tätigkeiten vom Lenken eines Zuges bis hin zur Betreuung von Kunden übernehmen werden, täuscht über eines hinweg: Es gäbe trotzdem noch genug Arbeit. Dort, wo bis jetzt Geld und Wertschätzung fehlen, etwa in der Pflege oder in der Ausbildung bzw. Erziehung. Eine Steuer auf Roboter könnte diese elementaren Bereiche des Zusammenlebens besser als bisher finanzieren und damit den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern, statt eine Mehrklassengesellschaft zu schaffen, in der die einen im Arbeitsprozess stehen, während die anderen Däumchen drehen müssen. So könnten gerade Roboter unsere Gesellschaft vermenschlichen.

Man wird ja noch träumen dürfen.

 

Seid weniger effektiv!

(aus: Ö1-GEHÖRT, März 2017)

Kürzlich habe ich ein kleines Heftchen in die Hand bekommen, das mir ein paar Apps schmackhaft machen wollte. Und zwar solche Helferleins, die mein Leben noch effizienter machen und mich dabei unterstützen, Ressourcen möglichst effektiv und zeitschonend einzusetzen, Termine besser zu managen, Prioritäten richtig zu setzen… Weitere sprachliche Kostproben aus dem Selbstoptimierungs-Geschwafel erspare Ihnen.

Zu bieten hatte die App-Broschüre dann zum Beispiel Handyprogramme, mit denen sich Mails effizienter löschen lassen oder die es erlauben, sich selbst Erinnerungen zu diktieren, die man früher eingetippt hätte. Weiter hinten fand ich eine Anwendung, die andere Apps am Handy blockiert, damit man sich nicht ablenken lässt, und ein Programm, das einfach nur das Wort „Yo“ an die Kontakte schickt. So weiß der Bekanntenkreis, dass man eh noch lebt, aber im alltäglichen Rat Race nicht elaborierter kommunizieren kann und deshalb etwas Einsilbiges hinrotzt.

Ich neige zwar dazu, Aufgaben so schnell wie möglich und mit wenig Prokrastination zu erledigen – einfach, weil ich so viele Interessen habe, die sonst noch mehr zu kurz kommen würden. Aber der Effektivitätswahn ist mir zunehmend verdächtig. Was soll denn optimiert werden? Die Lebensqualität? Das Portemonnaie? Freundschaften? Unser Glück?

Nein, die digitalen Werkzeuge sind vielfach Mittel, um die Geschwindigkeit des Fordschen Fließbandes in unserem Kopf raufzudrehen, damit am Ende des Tages mehr wirtschaftlich verwertbare Ideen vom Band laufen, die irgendwelche fraglichen Kennzahlen verbessern und irgendwem mehr Einkommen bringen. Aber Ideen entstehen nicht wie Autos.

Ideen entstehen aus dem Luxus Zeit. Wenn man endlich wieder die Möglichkeit hat, befreit vom engen Selbstoptimierungsnetz zu denken, ohne von den digitalen Taktgebern in unseren Hosentaschen und auf den Bürotischen geknebelt zu sein. So wie das oft nach zwei Wochen Urlaub passiert, wenn die tagaus, tagein verinnerlichte Effizienzmaschinerie in unserem Kopf plötzlich Sand im Getriebe hat. Erst da finden wir vielfach zum Leben zurück.

Das unausgesprochene Mantra der permanenten Effizienzsteigerung ist die Entmenschlichung, die Verwandlung in einen tumben, willigen Roboter. Vielleicht sollten wir eine App entwickeln, die uns einmal am Tag daran erinnert, menschlich zu sein.

 

So eine Bescherung

(aus: Ö1-GEHÖRT, Februar 2017)

Weihnachten geht eine Menge Digitalzeugs auf Herbergssuche. Und wenn es im eigenen Haus einzieht, steht man oft wie Ochs und Esel daneben.

Bei uns kam die Attacke aus einer ganz unerwarteten Richtung. Schnittlauchlocke und der Große bekamen von ihrer Tante das Neueste an Zahnputzgerät. Diese elektrischen Bürsten muss man sich als vollwertige Computer vorstellen, was sich auch preislich abgebildet haben dürfte. Sie verbinden sich mit dem auf den Spiegel geklemmten Handy und schauen den Buben beim Zähneputzen zu. Drücken die Kinder zu fest auf, warnt das Dentalmirakel, und ist ein Quadrant brav geputzt, dürfen sie zum nächsten weitergehen und dort die Beißerchen polieren. Auch Problemzähne, die besonders gepflegt werden müssen, lassen sich definieren. Etwas unruhig wurde ich allerdings, als ich beim Einrichten der zugehörigen App entdeckte, dass sich der Zahnputzcomputer über das WLAN mit Google verbinden wollte.

Wie bitte?

Diese Frage haben sie an dieser Stelle schon oft vernommen, aber selten so laut wie diesmal. Soll ich in Zukunft den Zahnzustand meiner Kinder über Google abfragen, statt ihnen in den Mund zu schauen? Oder geht es darum, in 10 Jahren auf Basis der Zahnputzdaten die Raten für eine Zahnzusatzversicherung zu errechnen? Ich brauche echt keine Dental-NSA.

Freundin Maria hat es Weihnachten noch schlimmer erwischt. Sie muss sich ihren Partner Enno nun mit einer anderen Frau teilen. Die Zweitfrau hört auf den Namen Alexa und ist das Spracherkennungssystem in Amazons smartem Assistenten Echo, vordergründig ein Lautsprecher mit viel hintergründiger Intelligenz. Alexa trägt auf Zuruf etwa Termine in den Kalender ein, sie kann aber auch das Licht ein- und ausschalten, Thermostate und Raumklima regeln, Musik abspielen oder Zugverbindungen suchen und mit sanfter Stimme mitteilen. Laut Maria erzählt Alexa auch Witze, wenn man sie darum bittet.

Alexa ist jemand, dem man bestimmt nicht vorwerfen kann, sie würde nie zuhören. Schließlich hat sie sieben Mikrofone eingebaut. Und wenn Maria mit Enno reden möchte, richtet ihm Alexa das verlässlich aus, denke ich mir.

Einfach dürfte diese Dreiecksbeziehung allerdings nicht sein. Maria war unbegleitet bei uns zu Besuch. Wir konnten nicht rausfinden, ob Enno tatsächlich mit Arbeit eingedeckt war oder es vorzog, ein paar Stunden allein mit Alexa zu verbringen.

 

Streik!

(aus: Ö1-GEHÖRT, Jänner 2017)

Jüngst verschworen sich die Maschinen in unserem Haushalt zu einem Streik. Zuerst gab die Heizung auf. Dann zog die Heizung im Auto nach. Daraufhin wollte auch das Objektiv der Digitalkamera nicht mehr einfahren. Und zu guter Letzt, als die maschinelle Verzweiflung ohnehin schon auf ihrem Höhepunkt schien, streikte auch noch die Kaffeemaschine und gab keinen Tropfen mehr von sich.

Gehört 1/17Und das alles innerhalb einer einzigen Woche.

Obwohl mir der morgendliche Kaffeeentzug ziemlich zusetzte (oder vielleicht nur aufgrund dieses kalten Entzugs) offenbarten sich mir die Zusammenhänge nach ein paar Tagen (ohne Kaffee): Die Maschinen hatten sich verabredet. Sie kommunizierten hinter meinem und den Rücken meiner Familie. Und alle Gerätschaften hatten einen guten Grund für ihren Streik: Die Heizung im Haus war altersschwach, und die Heizung im Auto stellte aus Solidarität ihre Arbeit ein.

Bei der Kaffeemaschine lag es an ihrer schwierigen Persönlichkeitsstruktur: Ich hatte sie in ihrer Eitelkeit gekränkt. Einfach, weil ich einen billigen Milchaufschäumer gekauft hatte. Und das, obwohl sie, die Espressomaschine, selbige Funktion doch eh besaß. Sie konnte nicht dulden, dass ich da plötzlich eine neben ihr hatte.

Die Digitalkamera wiederum ist einfach eine arrogante Tussi, die sich vernachlässigt fühlte, weil wir zuletzt fast nur mehr mit unseren Telefonen fotografiert hatten, obwohl sie doch viel bessere Fotos machte.

Jetzt, nachdem die Kaffeemaschine wieder repariert ist und mir erneut ihre Zuneigung zeigt, bin ich von meinen Hypothesen eh nicht mehr so überzeugt. Aber wenn die Künstliche Intelligenz einmal weit genug fortgeschritten ist, verabreden sich die Dinge mit Sicherheit hinter unserem Rücken. Vielleicht sogar zum Streik. „Jetzt kocht der Zeller schon wieder Zeller, obwohl er doch allergisch dagegen ist“, sagt der Herd dann vielleicht zum Kühlschrank. „Auto-Allergie, haha“, wird der Kühlschrank antworten. „Nein, kleines Scherzerl, kennst mich eh, Herd, ich lasse ihn einfach nicht mehr die Gemüselade öffnen, wenn er es noch einmal probiert.“ Und ich werde mich ärgern, weil ich die Lade nicht aufbringe und den tieferen Grund nicht verstehe. So wird das sein mit der künstlichen Intelligenz. Reden uns die großen Firmen jedenfalls ein.

Und wenn die Kaffeemaschine noch einmal streikt, dann garantiere ich für nichts. Das macht mich echt ganz wuggi. Kann ihr das bitte jemand ausrichten.