Kolumnen

Seit Mai 2014 schreibe ich monatlich Kolumnen über das digitale Leben für die Ö1-Zeitschrift Gehört.

(Unter diesen Links sind jene aus den Jahren 2014, 2015, 2016 , 2017, 2018, 2019, 2020 und 2021 nachzulesen.

 

Bot-Landung

(aus: Ö1-GEHÖRT, November 2022)

Jüngst rief mich die Liebste gekränkt an. Sie stand irgendwo in Frankreich mit annulliertem Flug und hatte gerade eine Auseinandersetzung mit Maria hinter sich. Maria ist der Chatbot einer Fluglinie, also ein automatisches Konversationsprogramm. Maria war nicht willens gewesen, meine Herzensfrau umzubuchen, weil sie selbige nicht in den Passagierlisten gefunden hatte.

Dass ich mit Kara dieselbe Erfahrung gemacht hatte (der Chatbot eines Mobilfunkbetreibers), tröstete die Liebste nicht. Wobei der Kontakt-Button auf Webseiten meist ohnehin sehr gut versteckt ist. Zuerst sucht man verzweifelt in der Navigation oben, dann scrollt man gefühlte 350 Meter bis ans Ende der Webseite, um endlich bei einem in 6-Punkt-Schrift gesetzten Link anzukommen. Kann man ihn ohne Blindenhund lesen, entdeckt man dahinter oft auch eine Telefonnummer. Aber wehe, man macht den Fehler, sie zu wählen. Dann öffnet man wie im Märchen eine verbotene Tür und wird in den homo warteschleifensis verwandelt. Das macht grantig, weil der akustische Warteraum Kommunikation nur vorgibt und den Kund:innen anschaulich vermittelt, dass sie die größten Störfaktoren im Geschäftsleben sind. (Im Übrigen habe ich wirklich Mitleid mit der Mitarbeiterschaft in den Hotlines der Energieversorger, die derzeit schuldlos beschimpft werden und deren Telefonaufkommen sich verzehnfacht hat…)

ABER ICH HÄTTE GERNE ANTWORTEN AUF MEINE FRAGEN!

Als neuen Wall gegen Kundenanfragen und -beschwerden setzen viele Firmen nun eben Chatbots ein, die sich mit technomythischen Vokabeln wie Künstliche Intelligenz oder Machine Learning brüsten. Im besten Fall fischen die Elektrodamen (meist bekommen digitale Dienstboten Frauennamen…) aber nur stichwortgesteuert in einem Antworten-Pool für 08/15-Fragen, etwa im Stil des Wienbots. Das ist nur mäßig befriedigend. So verwundert es nicht, dass eine deutsche Untersuchung Chatbots als „Hype für den vernetzten Kunden“ bezeichnet, der kein „in vollem Umfang zufriedenstellendes Erlebnis“ bieten kann. Da lobe ich mir die Ehrlichkeit der ÖBB-Warteschleife (ich liebe die Bundesbahnen und ihre Züge übrigens nach wie vor). Nach 23 Minuten fiel ich einfach raus, ohne dass jemand vorgetäuscht hätte, mit mir kommunizieren zu wollen.

Ein bissi Doomsday

(aus: Ö1-GEHÖRT, Oktober 2022)

Meine Fußballgruppe hat das Fußballspielen aufgegeben und trifft sich jetzt zum Diskutieren. Da sich die Leute nicht mehr beim Kicken verletzen, leben sie ihren Masochismus anders aus: Sie nennen sich aus mir unerfindlichen Gründen „Old Men’s Club“. Ich bin einer der Ältesten. Ich mag sie trotzdem. Aber halt „trotzdem“.

Jüngst kam die Rede auf unseren Nachrichtenkonsum. Dabei outeten sich viele, sie würden Nachrichten so gut wie verweigern, vor allem in Sozialen Medien.

Meine Kollegin Irmi tauchte wenig später mit einem Begriff auf, der diese News-Verweigerung in ein neues Licht setzte: Doomscrolling. Das ist die Endlosschleife negativer Nachrichten, von Pandemie über Krieg bis Klimakrise.

Soziale Medien bilden diese Endlosschleife leider geradezu fatal ab. Sie sind dauernd „auf Sendung“. Sie kennen keinen Beginn und kein Ende (weshalb ich diese Kolumne als Ode an Anfang und Ende geplant hatte). Von der neuen Rekordhitze scrollt man weiter zu einem russischen Raketenangriff und weiter zu neuen CO2-Spitzenwerten in der Atmosphäre und weiter dem Weltuntergang entgegen. Doomscrolling eben.

Wen wundert es da, dass die Berliner Charité in einer Untersuchung einen starken Zusammenhang zwischen Dauer und Häufigkeit des Medienkonsums mit Symptomen von Angst und Depression fand. Besonders schlimm waren die negativen Nachrichten-Wirkungen, wenn die Befragten sich ihre Informationen vor allem aus Sozialen Medien holten. Diese Formate kennen keine Pause. Zudem fehlt, wie die Forscher:innen bemerkten, die Einordnung. Wenn die Gefahr so unmittelbar in die Intimsphäre eindringt, tut man sich schwer, sich aus dem Bedrohungsszenario zu befreien und taucht stattdessen immer tiefer ein.

Klassische Nachrichtenformate – von Zeitung bis zu TV- und Radio-Sendungen – sind zeitlich oder räumlich limitiert. Sie haben, anders als das unendliche Netz, Grenzen. Und die können sehr wohltuend sein. Was nun nicht gegen Soziale Medien spricht. Sie brauchen nur einen distanzierten Umgang, weil sie uns sonst aufgrund ihrer Endlosigkeit auffressen. Viele Episoden unseres Lebens scheinen nach Anfang und Ende zu verlangen.

Insofern ist es auch okay, dass die Fußballabende endeten, old men.

So ein Drama

(aus: Ö1-GEHÖRT, September 2022)

Im September ziehen wir jetzt also vom Funkhaus in der Argentinierstraße in das neue Ö1-Gebäude auf dem Küniglberg. Es ist ein wunderschön anmutender, lichtdurchfluteter Bau ohne Innenwände. Dies führte bei großen Teilen der Ö1-Belegschaft zur senderinternen Gretchenfrage: Wohin mit unseren Büchern? Nach einer Umfrage belief sich der Regalmeterbedarf auf mehr als einen Kilometer. Schließlich fand das Übersiedlungsteam am neuen Standort ein paar Büchermeter in einem Besprechungsraum. Dies wiederum veranlasste einige Kolleg:innen zu wiederholten, verzweifelten Stimmungsausbrüchen, da man sich das Herz aus dem Leib gerissen wähnte und ohne Buchbegleitung bzw. mit kleinem Buchgepäck nicht übersiedeln wollte.

Dabei bekam auch ich mein Fett ab, da ich die Aggressionen der Regalunterbemeterten ob der Buchbeschneidung für verzichtbar hielt. Meine Bibliothek liegt zu 90% auf einem elektronischen Lesegerät und braucht nur etwa 0,9cm Regal, gemäß dem Diktum: der Weise trägt all das Seine mit sich (Selbstironie).

Grund genug, bei der Leseforschung nachzufragen, ob Lesen auf totem Holz tatsächlich besser ist als vom Bildschirm. Bei der Lektüre von Belletristik gibt es demnach keinerlei Unterschiede. Erzählungen kann man weltweit unabhängig vom Trägermedium gleich gut folgen. Etwas schwieriger wird es bei Sachtexten und -büchern. Die verstehen wir via Bildschirm tatsächlich schlechter. Die Wissenschaft führt dies darauf zurück, dass wir über Monitore oberflächlicher und „flacher“ lesen und zu schnell glauben, Zusammenhänge verstanden zu haben. Außerdem berauben wir uns elektronisch des Glücksgefühls, den Fortschritt beim Lesen zu beobachten und den rechten Buchteil immer dünner werden zu sehen. Aber das empfinden nur Zellulose-Aficionados so. Allerdings: Liegt ein Stapel Bücher neben dem Bett, greifen wir viel eher hin und lesen. Was für den Aufbau einer Bibliothek vor allem für Kinder spricht. Auch ich als „Flachleser“ lebe gern mit solchen animierenden Bücherstapeln. Trotzdem bin ich froh, dass meine geschätzten Kolleg:innen wenigsten ihre Pixie-Bücher nicht übersiedeln wollten.

Die 100. Kolumne: Das Klo-Desaster

(aus: Ö1-GEHÖRT, August 2022)

Die Absichten waren wieder einmal echt gut. Aber dann kam die Wirklichkeit dazwischen.

Ich ortete bei meinen Buben erhebliche lyrische Defizite. Was ja irgendwie kein Wunder ist, da sie im Fach Deutsch gefühlt jeweils ein Jahr lang Bildgeschichte, Inhaltsangabe oder Leserbrief durchnehmen (bitte, lieber Lehrplan, kannst du endlich das 21. Jahrhundert erreichen?).

Also baute ich einen Gedichteapparat und selbigen ins Klo ein. Wenn jemand das Licht einschaltet, spielt das Gerät per Zufallsprinzip Lyrik ab. Da ich in meiner Vergangenheit öfter mit H.C. Artmann Lesungen oder Studioproduktionen aufgenommen hatte und er im Vorjahr 100 Jahre alt geworden wäre, wählte ich rund 50 Gedichte seines legendären Werks med ana schwoazzn dintn als Einstiegs-Poesie. Begibt man sich also auf das stille Örtchen, wird man entweder von Blaubarts Mordabsichten überrascht, hört HC zu, wie er sich sein Herz um 4 Uhr früh ausreißen möchte waun de aumschln schrein, oder lauscht dem Liebesgeflüster alanech fia di, wobei dies auch das Motto für den Aufenthalt auf der Toilette sein könnte, denn nirgendwo sonst ist man so sehr „für sich“ wie dort.

Soweit der Plan. Als erstes änderte sich einiges in der häuslichen WC-Logistik zum Positiven. Die Buben benutzten plötzlich viel häufiger ihre eigene Toilette im Untergeschoß. Dann folgte der Aufstand: „Papa, kannst du den Mann nicht abstellen, der dauernd am Klo redet?“

Hernach wurde toilettale Dunkelheit in Kauf genommen, um nur ja nicht von den Dialektgedichten gestört zu werden.

Als die Buben nach 4 Monaten noch immer nicht wussten, wer da gelegentlich zu ihnen spricht, bekam mein technologisch-kulturelles Selbstbewusstsein eine heftige Delle. Ich versprach, das Lyrikprojekt zu beenden, sobald sie mir zumindest den Namen des Dichters sagen können. Weitere 2 Monate später konnten sie den Poeten benennen, wobei ich glaube, dass da die Unaussprechliche auch im Spiel war. Womöglich fühlte sie sich von einem (Art-) Mann am Klo belästigt. Wie auch immer, ab nächster Woche läuft dort das nächste Bildungsprogramm: Vogelstimmen.

Echt matt

aus: Ö1-GEHÖRT, Juli 2022)

Es ist Sommer. Und der verlangt nach einem Lob der Faulheit in diesen getriebenen Zeiten. Nach Wochen des verschärften Rackerns ist der Unaussprechlichen und mir manchmal auch der kurze Weg in den Garten zu weit und die Terrasse das Habitat unserer Erschöpfung. Mit digitaler Hilfe – also vielen Apps – kann man dort trotzdem einiges erleben, ohne einen Schritt gehen zu müssen. Ein Blick auf das Handy sagt mir, dass es meiner Kaffirlimette gut geht. In meiner naiven Begeisterung für primitives Programmieren habe ich sie mit einem Funksensor versehen. Einige meiner Freunde glauben nun, sie könnten von der funkenden Thai-Curry-Zutat auf meine geistige Gesundheit schließen.

„Mönchsgrasmücke“, sagt die Liebste auf ihrer Liege und deutet auf die App Birdnet. Das ist der Vogel, der schon um fünf Uhr früh fröhlich aus der Föhre gepfiffen hat, ohne dass ich seine Fröhlichkeit irgendwie erwidern hätte können. Das „Vogel-Shazam“, wie die Unaussprechliche den Vogelstimmen-Decoder nennt, hat unser Gartenleben extrem bereichert. Jetzt stimmt auch noch eine Klappergrasmücke ein. Den Buchfink kennen wir mittlerweile schon ohne Smartphone.

Müde hebe ich die Hand und deute auf einen Kondensstreifen. „Florenz“, murmle ich, weil Flightradar mir das Ziel des Fluges nennt. Und würde ich die paar Wienerwaldhügeln in meinem Gesichtskreis nicht ohnehin kennen, könnte ich sie mit PeakAR identifizieren. Um sie in den Bergen zu nutzen, müsste ich mich erst einmal bewegen. Aber das geht grad nicht, siehe oben.

Die erschöpfte Frau auf der Liege neben mir startet „Lascia mi fare“ von Wanda auf ihrem Musikdienst und seufzt ob der Anstrengung des Tippens. Ich versuche schnell, zehn neue Italienischvokabeln von der Handy-App zu lernen, aber nach fünf gebe ich auf, weil ich dazu meinen Kopf heben müsste. „Wir können noch drei Stunden so liegenbleiben“, flüstert die Liebste. „Nur?“, frage ich. „In drei Stunden kommt ein Regenguss, sagt die Wetter-App.“

Ich bin längst eingedöst, als das Handy grauslich fiept. Die Kaffirlimette schreibt mir. „Bitte Wasser!“ Aber dazu müsste ich aufstehen. Vielleicht lasse ich sie einfach mal auf Diät.

Mann und Maschine

(aus: Ö1-GEHÖRT, Juni 2022)

Wenn die Unaussprechliche ein Update im Wohnzimmer macht, schaut das so aus: In Stufe 1 schimpft sie furchtbar mit mir, nur weil der 3D-Drucker nebst einigen Schrauben, Kameras, Zangen, Alexas und Arduinos ihrer Meinung nach schon zu lange am Sideboard weilt. Am Schluss der Tirade nennt sie mich rituell einen Messie. Ich entgegne in Stufe 2, ich würde mit Unordnung nur ehrlich und transparent umgehen, während sie in ihrem musealen Wahn das ganze Haus in eine einzige Ausstellung verwandeln will. Außerdem: Warum darf die Trophäe eines Kudus (bekamen wir von einem nahestehenden Jäger) samt ironisierenden rosa Mascherln an der Wand hängen, während mein Drucker weichen muss? Was macht einen affichierten Tierkadaver besser als meine herumliegenden Mikrocomputer?

In Stufe 3 räume ich alles weg.

Immer wieder tun sich bei uns Gräben auf, die exakt entlang der Geschlechtergrenzen verlaufen. Im Auto deponiert die Liebste ihre Notebooktasche immer störend auf der Mittelkonsole und kritisiert, dass nur ein Mann so eine doofe Karre ohne Taschenablage entwerfen kann. Mein Notebook findet hingegen im Kofferraum Platz, in dem wir gut und gern einen Großrechner unterbringen würden.

Wenn ich mich abends an den Tisch setze (den Sessel dürfen wir als ziemlich einzigen Einrichtungsgegenstand im häuslichen Museum noch bewegen), dann muss ich der Frau im Haus durchaus auch Recht geben.

Technik wird immer noch vorwiegend von Männern für Männer gemacht, auch wenn Rollenbilder veränderbar sind (notwendig wär’s). Die wenigen Software-Entwicklerinnen, die es gibt, programmieren oft für sozial orientierte Bereiche wie Projektmanagement. Techniknahe Felder gestalten ganz klischiert die Männer. Partizipative Technikgestaltung, die die Anwender:innen einbindet, ist noch immer nicht sehr verbreitet. Und wenn Algorithmen Bewerber:innen für Top-Jobs auswählen, suchen sie zum Großteil Männer aus, weil sie an Daten der Vergangenheit gelernt haben. Selbst Google zeigt Frauen, laut Carnegie Mellon University, weniger hochbezahlte Jobs an als Männern. Die Digitalisierung ist auf dem weiblichen Auge zum Teil blind.

Wäre sie das nicht, würde sicher jemand einen hübschen 3D-Drucker erfinden, den man dekorativ an die Wand hängen kann. Wie ein Kudu.

Läuft

(aus: Ö1-GEHÖRT, Mai 2022)

Eines vorweg: Was Sie hier gleich lesen werden, schreibe ich mit ausdrücklicher Genehmigung der Unaussprechlichen. Es ist nämlich so, dass sich der Sommer nähert. Die Liebste hat also die Deka zusammengezählt, die sie unter ihren Kleidern stören, und einen Schrittzähler an ihr Handgelenk geschnallt. Der Mann an sich kann in solchen Fällen hundertmal betonen, dies sei vielleicht aus Gründen der Fitness gut, aber morphologisch völlig unnötig: Es wird ihm sowieso nicht geglaubt. Deshalb passiert es jetzt öfter, dass die sportbewegte Frau um 23.51 Uhr auf ihre schrittzählerbewehrte Uhr schaut, erschrocken aufschreit, eine vierstellige Zahl ruft, die noch fehle, und dann wiederholt die Wendeltreppe rauf und runter hüpft, als würde das flinke Geißlein von einer Hornisse verfolgt.

So recht vertraue ich dem Ding am Handgelenk der Liebsten ja nicht. Denn vor einiger Zeit überstellten wir für den Schwiegervater ein waldgängiges Auto in den Süden Österreichs. Es war eines dieser Retro-Gefährte mit einem einzigen elektronischen Bauteil (Zündkabel samt Batterie), das offenbar auch völlig auf Stoßdämpfer verzichtet hatte. So holperten wir denn gen Kärnten. Als wir nach dem Ritt ausstiegen, zeigte der Schrittzähler der Unaussprechlichen 57.000 Schritte an und die Bandscheiben brummten ein dunkles Lied.

Nun hat die Frau meines Herzens entdeckt, dass sich ein ähnlicher Effekt auch beim Zwiebelhacken erzielen lässt. Jüngst bereitete sie deshalb um halb zwölf Uhr nachts noch ein Curry für die Buben zu, weil dies die Zahl an ihrem Handgelenk schnell gen 10.000 trieb.

Ich trage mich bereits mit dem Gedanken, ein Kochbuch unter besonderer Berücksichtigung seiner schrittvermessenden Tauglichkeit zu verfassen. Zuoberst würde ich Gulasch empfehlen, wenn denn noch etwas zur formalen Fitness fehlt (ebenso viel Zwiebel wie Fleisch, als Grundregel. Man kann es auch mit Soja zubereiten, um die Rinder zu verschonen).

Wenn die Liebste laufen geht, vergisst sie übrigens eh auf den Schrittzähler. Weshalb ich diese Kolumne mit ihrem Einverständnis auch liebevoll „Und sie bewegt sich doch“ nennen wollte.

Oh, es riecht nach Gulasch.

Der Sommer kann kommen.

Wer den Schaden hat

(aus: Ö1-GEHÖRT, April 2022)

Es sieht danach aus, als würde ich meine liebe Kollegin Jutta an das Metaversum verlieren. Die Tür dazu hat das berüchtigte Virus aufgesperrt. Als Jutta krankheitsbedingt mit Mann Oskar und Kind in der Wohnung eingeschlossen war, schaffte sich die Familie eine Datenbrille an. Man wollte sich schließlich ein bisschen bewegen und „raus“ aus der Quarantäne-Zelle, wenn auch nur virtuell.

Oskar lud sich also ein Spiel in seine Datenbrille, setzte sie auf und betrat die Star Wars-Welt. Er schlich in Darth Vaders Schloss. Und was jetzt kommt, hat Jutta durch Zufall auf Video dokumentiert. Sie war ja gegen die Anschaffung der VR-Brille und fürchtete Ungemach für die Wohnungseinrichtung. Da steht Oskar also mitten im Raum und fuchtelt mit einem unsichtbaren Laser-Schwert. Er dreht sich nach rechts. Plötzlich hüpft er panisch zur Seite, macht zwei Fluchtschritte nach links und stürzt über den Esstisch (nicht den von Darth Vader, sondern den in der Wohnung). Ein (echtes) Glas zerbricht, (echter) Rotwein verteilt sich über die Tischplatte. Oskar liegt im Eck und reißt sich die Datenbrille vom Kopf.

Er hatte sich erschreckt, weil unvermittelt die Stormtroopers ins Schloss marschiert waren, um ihn anzugreifen.

Das Video zirkuliert jetzt in unserem sozialen Netzwerk (ich meine das wörtlich, weil man öfters vergisst, dass es solche Netzwerke auch in Echt vulgo offline gibt) – und dieses wunderbare Netzwerk ist unsere Digital.Leben-Redaktion. Jutta will den Slapstick-Film mit Höchstpotential für ein Internet-Meme auf gar keinen Fall per Messenger schicken. Wir dürfen ihn nur beim Mittagessen auf ihrem Handy anschauen. Bald wird sie sich mit Kaffee dafür zahlen lassen.

Jutta trainiert seit Oskars Star Wars-Episode übrigens mit der VR-Brille. Sie boxt gegen sieben andere Menschen und wird zu ihrem Leidwesen immer nur Fünfte. Eigenen Aussagen nach nutzt sie die Datenbrille viel häufiger als Oskar, der sie angeschafft hat.

Zuletzt hat sie ihrem Mann beim Training übrigens einen heftigen Faustschlag versetzt, den wir Oberösterreicher malerisch als „Magenstamperl“ bezeichnen. Ich hoffe, Juttas Beziehung übersteht das Metaversum.

Reingefallen

(aus: Ö1-GEHÖRT, März 2022)

Der treueste Begleiter des modernen Menschen ist nicht der Hund, sondern das Handy. Aber ab und an hat es genug von uns. Dann hüpft es ins Wasser. Im schlimmsten Fall ins Klo. Danach heißt es schnell sein und lange Hände waschen. Dass ich nicht überdramatisiere, habe ich bei einer Umfrage im näheren Bekanntenkreis festgestellt. Und dabei eigentlich noch mehr über das Menschsein gelernt als über Technik, aber der Reihe nach.

Für den Handytod durch Ertrinken gibt es mehrere Varianten. Da sind zuerst einmal die Selbstvergessenen (Schwager Chris und Kollege Rolli): Die lassen das Handy in der Badehose stecken, während sie ins Meer gehen – auch wiederholt. Keines der Smartphones war danach zu retten, aber Rolli zumindest hat es vier handyfreie Urlaubswochen beschert („ein Traum“, sagt er jetzt).

Dann sind da die Rustikal-Originellen: Eva hat ihr Handy in der Einkaufstasche in Schafkäse-Wasser ertränkt. Dem ist nichts hinzuzufügen, außer dass Hartkäse offenbar smartphone-tauglicher ist.

Die weitaus größte Gruppe sind aber tatsächlich die lässigen Klo-Versenker. Als größter Risikofaktor hat sich das Einstecken des Smartphones in der Gesäßtasche herausgestellt (statistisch bestätigt von Martin Kirschkernspucker). Den Glücklicheren fiel das Handy ins WC, während es noch mit kabelgebundenen Ohrhörern versehen war. Ein deutlicher Vorteil bei der Bergung. In Angelikas Fall hat es sogar zu einer Heirat geführt, weil sie das Gespräch mit ihrer Flamme fortsetzen konnte.

Aber wie das Smartphone reanimieren? Die meisten empfehlen, nach dem WC-Watch-Rettungseinsatz sofort den Akku herauszunehmen und das gute Stück in eine Salz-Reis-Mischung zu legen. In der Praxis hat das auch nur bei maximal der Hälfte funktioniert. Wobei es durchaus psychoanalytische Interpretationen derartiger Unfälle gibt: „Manche Handys sind suizidal veranlagt, weil sie das Gelaber ihrer Besitzer nicht mehr ertragen können“, meint Paula.

Eine besondere Untergruppe bei den WC-Versenkern bilden übrigens jene mit wenig Handybindung: Petra etwa fiel der Verlust erst auf, als es aus den Tiefen des Klos läutete.

Disclaimer: Die Studie wurde nach der Beinschab-Methode durchgeführt: online, mit überschaubarer Fallzahl. Trotzdem hat das Finanzministerium sie nicht angekauft.

System Sepp

(aus: Ö1-GEHÖRT, Februar 2022)

Dies ist ein Bericht über den Status der Digitalisierung in Österreich. Es begab sich kurz nach Weihnachten, dass wir die Schwägerin im oberösterreichischen Ennstal besuchten. Beim Kaffee schwärmte selbige über das Click & Collect in der Marktgemeinde. Sie würde nur mehr per Fernbestellung im Ort einkaufen. Wir waren natürlich erstaunt, dass die Geschäfte dort so schnell ihren Weg in die Online-Welt gefunden hatten. “Online?”, fragte die Schwägerin erstaunt. “Online ist gar nichts. Die haben ja nicht mal Webseiten. Nein, wir rufen zum Beispiel im Baumarkt an. Da hebt der Sepp ab und nimmt die Bestellungen entgegen. Und wenn man sagt, man braucht Meisenknödel, dann schreit er ins Telefon, dass er eh gerade vor dem Regal steht und sich das gut treffe. Und dass er dann gleich bei den Schrauben vorbeikomme. Und ob man auch von dort was brauche, oder weiter hinten neue Leuchten, weil da gehe er gerade hin, um eine andere Bestellung abzuarbeiten.”

„Das ist Call & Collect”, verbesserte die Liebste, “so wie vor 100 Jahren”. Die Schwägerin nickte. Das sei ihr auch jetzt erst aufgefallen. Aber das System Sepp funktioniere super, weil es einen eingebauten Empfehlungsmechanismus habe. Kommt der Sepp zum Zeitpunkt des Anrufs etwa gerade bei den Kupferdachrinnen vorbei, preist er sie an, ganz ohne Amazon-Algorithmus, nach dem Motto, “Kunden die Vogelfutter kaufen, haben jetzt vielleicht auch Zeit für den Bau eines neuen Nebengebäudes, weil was sollten sie sonst mit einer neuen Dachrinne anfangen.”

Und da ist jetzt nichts geflunkert. Man wundert sich dann weniger, dass Österreich in vielen Bereichen des Digitalisierungsindex der EU zurückliegt. Die Technik- und Modernisierungsskepsis steckt bekanntermaßen in der österreichischen DNA. Darüber freut sich in Sachen Onlinehandel vor allem das Konto des Amazon-Gründers Jeff Bezos. Denn laut Statista gibt jeder Mensch in diesem Land im Schnitt 1.600 Euro jährlich im “Distanzhandel” aus. Rund zwei Drittel davon wandern ins Ausland.

Der Sepp mit seinem Telefon kümmert sich derweil um jene knappe Hälfte der Bevölkerung, die mit dem Netz in Sachen Einkauf noch immer nicht viel anfangen kann. Ob sein System zukunftsträchtig ist, wissen wir nicht. Charmant ist es allemal.

Bildschirm und Besorgnis

(aus: Ö1-GEHÖRT, Jänner 2022)

Elternschaft bedeutet unter anderem die Fähigkeit, sich erfolgreich einzureden, man hätte seinen Nachwuchs unter Kontrolle. Leider bekommt dieser Irrglaube immer wieder mal Dellen. Zum Beispiel wenn mir ein Streaming-Anbieter über den Familienaccount schreibt, man möge doch auch die letzte Folge von “Stranger Things” zu Ende schauen. Drei Staffeln lang habe ich nicht bemerkt, dass Schnittlauchlocke auf seinem Notebook nicht Excel übt, sondern sich eine Serie reinzieht.

Der Medienkonsum, insbesondere der am Handy oder Notebook, ist auch bei uns Dauerthema. Er nimmt mitunter dramatische Züge an, was sich etwa in diesem Dialog Mitte Oktober spiegelt. Der Große kommt atemlos aus dem Garten: “Ich hatte eben ein Nahtoderlebnis!”. Ich, gewohnt empathisch: “Du hast dein Handy zertrümmert?”. Der Große: “Nein, eine Biene hat mich attackiert.”

De facto haben drei Viertel der Familie ein sehr inniges Verhältnis zum Smartphone. Um sie von ihrem 6 Zoll großen Fenster zur Welt loszueisen, kam mir jüngst eine Studie gerade recht. Demnach schadet Medien-Multitasking Kindern. Wer also vor dem Fernseher sitzt und dabei auch noch auf sein Handy schaut, stresst sich unnötig. Außerdem hätten die Multitasking-Kinder eine kürzere Aufmerksamkeitsspanne, mehr soziale und emotionale Problem und würden auch schlechter schlafen. Einen kausalen Zusammenhang konnte das Schweizer Forschungsteam allerdings nicht feststellen. Überbordend war auf jeden Fall die erhobene Mediennutzungsdauer. Zwölfjährige verbringen im Schnitt acht Stunden täglich vor einem Bildschirm. Das entspricht nun nicht einmal mehr den liberalsten Empfehlungen. Natürlich habe ich nach dieser Statistik sofort die außerschulische Bildschirmzeit des Kleinen aufsummiert. Zu meiner Erleichterung lag sie weit darunter.

Und so schwanken die Unaussprechliche und ich wöchentlich zwischen einem alarmistischen Zugang zu übermäßiger Bildschirmnutzung und dann wieder Gelassenheit, weil wir trotz aller Technologie noch sehr viel miteinander reden, diskutieren und streiten. Was ich ein gutes Zeichen finde.

Schnittlauchlocke hat die Studienzusammenfassung übrigens bis zum Ende gelesen und gekontert, er müsse mehr Video spielen, weil das so einen positiven Effekt auf seine kognitive Entwicklung hätte.

Es ist demütigend

(aus: Ö1-GEHÖRT, Dezember 2021)

Im Grund hat sich die Misere schon vor drei Jahren angekündigt. Damals waren die Unaussprechliche und ich bei einem Rock-Festival. Nach drei aufeinanderfolgenden Konzerten meldeten sich unsere Skelette so penetrant, dass wir nach einer Sitzgelegenheit suchen mussten. Die gab es naturgemäß nicht. Wir setzten uns also auf den Betonsockel eines Verkehrszeichens. Was zum nächsten Problem führte: Wir konnten kaum mehr aufstehen. Lösen ließ sich das persönliche Gravitationsproblem nur durch ein ziemlich würdeloses, mit Slapstick-Elementen durchsetztes Aufrappeln. Deshalb, liebe Rock-Festival-Veranstalter: Wenn ihr wollt, dass auch Über-45jährige zu euch kommen, dann denkt doch mal an eine Bestuhlung, zumindest für „erfahrene“ Besucher/ innen.

Ö1-Gehört Cover 12/2021

Wer nun glaubt, die digitale Welt sei gegenüber Menschen mit bereits längerer Biografie toleranter, irrt leider, wie mir erst letzte Woche wieder bewusst wurde, als ich mich für eine Reise registrierte. Ich brauche immer mehr Lebenszeit, um beim Eintragen meines Geburtsdatums zum richtigen Jahr hinunter zu scrollen. Es gibt Menschen, die in dieser Zeit eine ganze Wurstsemmel essen. Bin ich nicht ganz fit, versuche ich derlei Eingaben erst gar nicht. Muss ich an drei aufeinander folgenden Tagen mein Geburtsjahr auf Webseiten eintragen, benötige ich einen Physiotherapeuten, Spezialgebiet Zeigefinger. Es ist demütigend. Ich schlage daher den „historischen“ Modus vor: Die Scroll-Listen beginnen mit der Voreinstellung aktuelles Jahr minus gesetzliches Pensionsantrittsalter. Was würde ich mir an Mausarbeit ersparen.

Die Liebste wiederum drückt mir öfter das Handy in die Hand, weil ihre Arme zu kurz werden. Aus etwa drei Meter Entfernung kann sie meist alles lesen. Aber viel mehr hat sie sich beklagt, dass ihr in sozialen Medien jetzt ständig Werbungen für Hörgeräte eingespielt werden. Und sie ist echt noch jung. Und hat Adlerohren. Bei der Heizdecken-Reklame, die hin und wieder auf den personalisierten Webseiten auftauchen, verdreht sie nur mehr die Augen. Das einzig Beruhigende ist, dass die Social Media-Algorithmen offenbar doch nicht gut genug sind, um zu wissen, wie fit wir sind. Und dass wir nicht frieren.

Es war echt gut gemeint

(aus: Ö1-GEHÖRT, November 2021)

Zwischen einem Wissenschaftsjournalisten-Paar kann selbst Sadismus rührende Züge annehmen. Man neckt sich einfach mit nicht-evidenzbasierter Medizin. Und das kam so: Im letzten Winter schafften es die Liebste und ich nach einer Infektionskrankheit kaum über die Wendeltreppe. Da sich der Zustand auch nach Wochen nicht besserte, schickte uns eine Freundin eine Batterie von Zuckerkügelchen in Glasröhrchen. Sie trugen teils unaussprechliche Namen wie Eupatorium perfoliatum C30. Und sie sind weit weg von den Anforderungen, die wir üblicherweise an Therapien stellen. Die Unaussprechliche – sie ist auch der informelle Familiendoktor – drängte in ihrer Verzweiflung die ganze Familie, samt den weitgehend symptomlos gesundeten Kindern, die Globuli zu nehmen. Was bei der Minderheit – den drei männlichen Mitgliedern – zu anhaltendem, aber erfolglosem Widerstand führte.

Tage später buken Schnittlauchlocke und seine Mutter Lebkuchen. Der Kleine dekorierte die Herzen. Und ich sah, wie er heimlich ein kleines Glasröhrchen aus seiner Hosentasche zog und mit den Dekorzuckerkügelchen vertauschte. Als die Liebste wegschaute, kippte er den Inhalt auf den erstarrenden Zuckerguss. Kurz danach verzehrte er den Lebkuchen. „So, jetzt habe ich eine Hochpotenz gegessen!“ Sprach’s und zog fröhlich von dannen. Damit endete der gutgemeinte Therapieversuch.

Glücklicherweise blieben wir wenigstens von der Cyberchondrie verschont. Das ist die häufig zu beobachtende Angewohnheit, Krankheitssymptome zu googlen. Was dazu führt, dass man sich schon nach wenigen Minuten deutlich kränker fühlt als noch vor dem Suchvorgang, wie eine Studie der Universität Köln gezeigt hat. Überhaupt ist es nicht einfach, sich im Netz zu Gesundheitsthemen zu informieren. Es soll mehr als 13 Millionen deutschsprachige Seiten dazu geben. Und die allermeisten Internetbenutzer/innen (60%) klicken gleich auf die erste Seite, die ihnen von der Suchmaschine angeboten wird. Die deutsche Verbraucherzentrale hat deshalb unter www.faktencheck-gesundheitswerbung.de Tipps gesammelt, wie man seriöse von unseriösen Gesundheitsseiten unterscheidet.

Auf unserem Schreibtisch habe ich übrigens noch vier verwaiste Röhrchen mit Globuli entdeckt. Ich bin gespannt, wie heuer die Lebkuchen aussehen.

 Gesichtsdilemma

(aus: Ö1-GEHÖRT, Oktober 2021)

An meinem Telefon entdecke ich immer wieder neue, überraschende Seiten (an mir auch, aber das ist eine andere Geschichte). Zum Beispiel kann das Fotoalbum nach bestimmten Gesichtern suchen. Tippe ich auf das Konterfei meines Bruders Christian, zeigt es mir sofort Bilder von einem Radausflug in den burgenländischen Seewinkel.

Die Technologie der Gesichtserkennung hat aber nicht nur ihre schönen Seiten. Der Komfort im digitalen Bilderalbum bekommt einen recht schalen Beigeschmack, wenn Staaten oder Privatunternehmen exzessiv dazu greifen. So hat etwa die Firma Clearview AI wahllos das Netz nach Fotos von Menschen durchforstet, 3 Milliarden Porträts gesammelt und bietet die automatische Gesichtserkennung nun als Dienstleistung an. Die Bürgerrechts-NGO Privacy International hat dagegen in Ländern wie Österreich Beschwerde eingelegt.

Auch in Österreich setzen Strafverfolgungsbehörden seit 2019 die automatische Gesichtserkennung ein, um Fahndungsbilder abzugleichen. Die Technologie sollte angeblich gegen Terroristen und Schwerverbrecher helfen und wurde rund 1600mal verwendet. Tatsächlich identifizierten die Behörden damit vor allem Kleinkriminelle – was ja durchaus legitim ist. Man soll dann aber bitte nicht mit dem Kampf gegen das große Verbrechen argumentieren.

Dass biometrische Daten und ihre Verarbeitung nachhaltigen Sprengstoff bieten, zeigte Afghanistan. Dort erbeuteten die Taliban von westlichen Armeen wie den USA Geräte, die vertrauenswürdige Personen u.a. aufgrund ihrer Gesichtsmerkmale identifizierten. Die Taliban haben nun eine Datenbank von Kollaborateur/innen mit dem Westen.

In Europa nutzt man die Gesichtserkennung auch in Echtzeit, um zum Beispiel in Fußballstadien Risikopersonen zu identifizieren. Seit einigen Monaten bemüht sich die Initiative #reclaimyourface deshalb um ein Verbot der automatischen Gesichtserkennung. Eines ihrer Argumente: dabei handle es sich um in der EU verbotene Massenüberwachung. Außerdem: Bei einer unbestritten hohen Trefferrate von 99% wird jeder Hundertste zu Unrecht zum Beschuldigten.

Und das ist weitaus schlimmer, als wenn mir mein Fotoalbum bei der Suche nach Christian-Porträts meine zwei anderen Brüder zeigt. Die sehe ich nämlich auch gerne.

 

Das war anstrengend

(aus: Ö1-GEHÖRT, September 2021)

Urlaube sind meist Offenbarungseide. In der arbeitsfreien Zeit verstellt plötzlich nichts mehr den Blick auf die Beziehung, was durchaus erschütternd sein kann. Nein, der Liebsten und mir geht es ausgezeichnet. In unserem Fall betraf es die Beziehung zu unseren elektronischen Hosentaschen-Helferleins.

Nach zwei Jahren Österreich war heuer wieder mal das ans Meer grenzende Ausland fällig. Sizilien also. Schon im Vorfeld hatte Schnittlauchlocke einen Mordsstress, ob er wohl alle Adapter, USB-Alpha bis Omega-Kabel zum Laden usw. eingepackt hatte, dazu Reichweitenverlängerer, falls ihm mal unterwegs der Strom ausgehen sollte. Beim Eintritt ins Hotelzimmer wird zuerst einmal alles auf der Suche nach dem WLAN-Passwort auf den Kopf gestellt, um nicht zu sagen gestürmt. Die Cobra wirkt im Vergleich dazu wie eine Abteilung der Sängerknaben.

Nach ein paar Tagen mieteten wir ein Auto. Das war zumindest so lange spannend, bis wir heraußen hatten, welche Hälfte der Straßenverkehrsordnung auch in Sizilien gilt. Danach fixierten die Buben ihren Blick wieder auf das Smartphone.

In der ersten Reihe des Wagens stieg der Zynismus-Pegel. Ich schlug den Buben vor, die Landschaft doch live durch die Handykamera zu betrachten, weil sie dann vielleicht realer wirkt. Später kam mir eine prima Geschäftsidee: eine Rasterfolie für Autofenster, die das Bild in kleine Punkte zerlegt. Dann hätten die Kids das Gefühl, ein verpixeltes Abbild der Außenwelt zu sehen. Es käme ihnen wohl viel vertrauter vor. Zynismus Ende.

Ich muss leider selbst gestehen, dass es mir zunehmend schwerer fällt, eine Trattoria ohne Hilfe meines Smartphones zu finden. Richtig spannend wurde es, als wir uns mit dem analogen Stadtplan verliefen. Wir kamen in eine Gegend in Palermo, wo man sich nicht mehr zu fotografieren traut und alle recht freundlich grüßt. Irgendwo krachte es wiederholt furchtbar. Die Buben fragten, ob es Schüsse sind.

Der Ätna hat uns dann alle wieder geerdet. Wir standen doch just an seinem Fuß, als er abends ausbrach. Da wurde das Smartphone wieder zum Fotoapparat, vor lauter Staunen über die Feuersäulen dachte niemand an Instagram-Storys, Snaps oder Facebook-Posts. Aber man kann halt nicht immer einen speienden Vulkan bieten.

Rasenmäherkrieg

(aus: Ö1-GEHÖRT, August 2021)

Ich kenne zwei Menschen, die beim Rasenmähen einen Herzinfarkt erlitten. Da diese Arbeit lebensgefährlich ist, weigere ich mich seit Jahren, unsere biodiverse Gartenwiese zu mähen. Die Liebste hat wie immer die Augen verdreht, und sie kann sie so verdrehen, dass man denkt, ein Kreis habe mindestens 580 Grad. Um ihr ein wenig entgegenzukommen, schaffte ich vor Jahren den ersten Rasenmäherroboter an. Ein Unding. Es warf sich wollüstig auf die Blumen der Unaussprechlichen und hächselte sie kurz und klein, was dem häuslichen Frieden überhaupt nicht zuträglich war. Danach musste ich mit Opas Rasenmäher Frieden stiften, notierte aber jedesmal ostentativ die Notrufnummer der Rettung auf einem DIN-A4-Zettel und klebte ihn auf den Tisch.

Seit zwei Jahren gibt es nun einen funktionierenden automatischen Rasenmäher. Aber gerade tobt im Netz ein brutaler Richtungsstreit zwischen Rasen-Robo-Befürwortern und – Gegnern. Simmering gegen Kapfenberg nimmt sich dagegen wie ein Lercherl aus, um in der Diktion von Helmut Qualtinger zu bleiben. Die Gegner argumentieren, die autonomen Mäher würden vielen Igeln den Garaus machen, weil sich die Stacheltiere angesichts der heranrollenden Gefahr zusammenrollen und dann aufgeschlitzt werden. Eine im April erschienene Studie mit dem wunderbaren Titel „Wildlife Conservation at a Garden Level: The Effect of Robotic Lawn Mowers on European Hedgehogs (Erinaceus europaeus)“ kann diese Vorwürfe leider nicht entkräften. Trifft Robo-Rasenmäher auf Igel, zieht der Igel meist den Kürzeren.

Allerdings sind Igel nachtaktive Tiere. Es gibt keinen Grund, nachts zu mähen. Zudem könnte man die Mäher in Zukunft mit Ultraschallsensoren auszustatten, die kleine Tiere erkennen. Darüber hinaus fand ich in einem Robotikforum die Anregung, nach dem Vorbild alter Dampflokomotiven eine „Kuhschürze“ zu bauen – damit räumten die Stahlrösser alle Hindernisse von den Schienen. Diese Karosserieverlängerung zum Boden hin würde dann neben verirrten Igeln auch Äpfel und Föhrenzapfen schonend aus dem Weg schaffen, was meiner Faulheit sehr entgegenkäme.

Das Lochblech habe ich schon daheim. Die Unaussprechliche verdreht bereits die Augen und hat die Nummer der Rettung auf den Tisch geklebt. Wie meist, wenn ich Anstalten mache heimzuwerken.

 

Was fehlt

(aus: Ö1-GEHÖRT, Juli 2021)

Wenn Sie einen Blick in meinen Keller werfen könnten, würden Sie wahrscheinlich auf der Stelle psychologische Betreuung brauchen (nein, keine eingesperrten Menschen!). Wie schon öfters erwähnt, habe ich zu Gerümpel, das mir noch brauchbar erscheint, eine pathologische Beziehung. Es soll aber auch Menschen geben, die sich jeden Müll auf das Handy laden. Kollegin Ulla hat kürzlich eine Rangliste von Apps erstellt, die man definitiv NICHT braucht: Da wäre zum Beispiel der Biersimulator. Wenn man das Handy ansetzt, leert sich die Biermenge am Bildschirm. Ebenso sinnbefreit ist der Kuss-Test am Smartphone. Man muss seine Lippen auf den Monitor drücken und wird von der Maschine bewertet. Ulla hat – nach eigenen Angaben – diesen Intimakt mit dem Mikrobenzirkus am Handy verweigert (aber alle Apps schlummern noch auf ihrem Smartphone wie ein Herpesvirus). Am ekelhaftesten war die Pickel-App … aber das erspare ich Ihnen jetzt.

Die Liebste stand jüngst mit ihrem Kaffeehäferl völlig verzweifelt vor dem Kühlschrank, weil die Milch aus war. In Homeoffice-Zeiten ist das ein systemrelevantes Infrastrukturversagen. Die Kaffeemaschine muss derzeit im 90-Minuten-Rhythmus Arbeits- und Lebensenergie liefern. „Wo ist jetzt der Kühlschrank, von dem sie uns seit 25 Jahren erzählen, dass er selbst die Milch nachbestellt?“, polterte die Unaussprechliche und fluchte in gut verständlichem Oberösterreichisch über die irrelevante Technologieentwicklung der letzten Dekaden. Da ich Milch nicht vertrage, übte ich mich in vorgetäuschter Empathie, wie sie Beziehungen guttut. Aber es überwiegt der Eindruck, dass sehr viele Erfindungen ein Problem lösen, das erst durch die Erfindung entsteht. Oder wollten Sie jemals eine Kussbewertung oder ein virtuelles Bier?

Der smarte Kühlschrank jedenfalls gehört zu den großen Leitversprechen des Internets der Dinge. Zwar gibt es schon Waschmaschinen, die das Reinigungsmittel selbst nachbestellen, ebenso wie einen sensorverstärkten Hundenapf für das automatische Ordern der Hundekekse, aber das Intelligenteste, was man Kühlschränken angedeihen ließ, sind Kameras. Damit man im Supermarkt nachschauen kann, was noch drin ist… Wenn das so bleibt, werden die Liebste und ich weiterhin das Smarteste sein, was unsere Küche zu bieten hat.

 

Handyqual

(aus: Ö1-GEHÖRT, Juni 2021)

Man zwang mich zum Handykauf. Der Druck kam aus der Maschine selbst und von der Familie. Das langjährige Smartphone blockierte nach und nach alle Updates, weil es zu wenig Speicher im Gerät fand. Ich reduzierte mich also immer mehr auf das Telefonieren und ein paar wenige Apps wie das praktische E-Banking. Schließlich verweigerte mir die Hosentaschenmaschine auch die Erfüllung meiner digitalen Grundbedürfnisse.

Die Buben drängten zu einem Neukauf, weil sie mein Herumgetue mit dem Gerät schlicht und einfach würdelos fanden, #Fridaysforfuture hin oder her. Her musste ein neues Smartphone. Aber nichts macht mich so kraftlos wie die Aussicht, in der Unmenge der Angebote einen neuen Minicomputer auswählen zu müssen. Mich befiel ein sogenannter Komolka – ein bestimmt häufiges, aber im offiziellen Katalog der Krankheiten noch nicht dokumentiertes „instantanes Erschöpfungssyndrom“. Ich hatte es zum ersten Mal erlebt, als ich mit einer Vorgängerin der Liebsten ein opulentes, gleichnamiges Stoffgeschäft besuchte und beim Anblick der 1000en Stoffballen ermattet niedersank.

Als ich den Buben kundtat, sie sollten mir ein Smartphone aussuchen und ihnen auf Nachfrage ein 250Euro-Budget dafür nannte, wollten sie sich selbst zur Adoption freigeben.

Es wurde also teurer.

Seitdem ruft mich niemand mehr an. Oder vielmehr: Ich höre keine Anrufe mehr, weil mir der Klingelton noch immer so fremd ist. Und wenn ich wissentlich angerufen werde, weiß ich in der Eile nicht, wie ich grad wischen muss, um abzuheben. Da hilft mir auch unser Putzroboter nicht. Außerdem hat sich das Handy selbst zusammengeräumt, weil es viele Apps nicht übersiedelte. Als subklinischer Messie weiß ich diese Selbstaufräumfunktion mehr als zu schätzen.

Dafür habe ich eine wunderbare neue App namens BirdNET entdeckt. Sie belauscht den Gesang der Vögel und sagt mir, wer gerade sein Lied zwitschert. Kohlmeise und Buchfink kenne ich mittlerweile ohne Hilfe künstlicher Intelligenz. Die Liebste schaut mich meist etwas zweifelnd an, wenn ich der fliegenden Fauna lausche, und nennt die App nur Vogel-Shazam*. Wobei insgesamt der Rest der Familie endgültig der Ansicht ist, ich hätte einen nämlichen.

Okay, wird Zeit, dass ich wieder mehr unter Leute komme.

*Die App Shazam erkennt den Titel von Liedern durch Zuhören

 

Klima-Digitalisierung

(aus: Ö1-GEHÖRT, Mai 2021)

So wie viele Männer leide auch ich unter einer chronischen Krankheit, dem Automatisierungswahn. In seiner leichtesten Ausprägung geht es dabei nur um das Licht, das im Heizraum automatisch angeht; in einer aggressiveren Variante messe ich die Luftfeuchtigkeit im Wohnzimmer, um dann im Büro zu sehen, dass gelüftet werden müsste. Vom Bodensensor im Hochbeet will ich gar nicht reden. Ich wage allerdings zu bezweifeln, ob deswegen 1 Radieschen besser gewachsen ist.

Mit umso mehr Argwohn sehe ich jetzt, dass einige glauben, auch die Klimakrise weg-automatisieren zu können. Die Bitkom, der Interessensverband der deutschen IT-Industrie, rechnete jüngst vor, man könne mit Hilfe der Digitalisierung jede fünfte Tonne CO2 einsparen. Mit Big Data lassen sich etwa Produktionsstätten viel besser überwachen und dadurch besser auslasten, was energieintensive Leerläufe verhindert. Digitale Zwillinge, also virtualisierte Industrieanlagen, werden es möglich machen, neue Verfahren ohne Ressourceneinsatz im Computer zu testen.

Gesundheits-Apps und digitale Medizinprodukte reduzieren Fahrten zum Arzt, so die Bitkom, auch die elektronische Patientenakte vermeidet tausende Tonnen Kohlendioxid, ebenso wie das Homeoffice. Das Arbeiten von daheim aus könne ebenso wie die intelligente Gebäudesteuerung auch in Österreich den CO2-Verbrauch bis 2030 um einige Megatonnen reduzieren. Selbst in der Landwirtschaft ist vieles möglich: Messen etwa Sensoren den Nährstoffbedarf im Boden, lässt sich viel gezielter düngen. Da liegt das Einsparungspotenzial von Klimagasen laut Bitkom bei 16%.

Werkzeuge wie diese können uns sicher dabei helfen, die Erderwärmung zu bremsen. Alleinseligmachend ist aber auch die Digitalisierung nicht. Wollen wir etwa eine Landwirtschaft, in der sich nur die Großbauern die teuren Optimierungsmaschinen leisten können und damit die kleinen Landwirte eliminieren? Oder wollen wir die technische Verwaltung unserer Häuser irgendwelchen Monopolen überlassen? Bevor wir uns einer automatisierten Zukunft anvertrauen, gibt es noch viel zu überdenken.

Große, zentralistische Lösungen richten üblicherweise viel mehr Schaden an als meine selbstgebastelten Automaten, die wenigstens meine Buben (aus Mitleid) zum Lachen bringen.

Paralleluniversen

(aus: Ö1-GEHÖRT, April 2021)

„Was schaust du denn für eine Nerdkacke*?“, fragte der Große kürzlich. Es war einer der raren Momente, in denen ich vor dem Fernseher saß und Alfred Brendel beim Rezitieren seiner skurrilen Notizen zuhörte. Nun ist Brendel wohl wirklich nicht teenagertauglich, aber es schien, als wäre ich für meinen Sohn in ein Paralleluniversum ausgewandert. Als dann auch noch Kurzstücke von György Kurtag erklangen, wollte der Große schon die europäische Notfallnummer wählen.

Ich rief ihm noch nach, dass ich nicht nur Schubert, sondern auch Rammstein und Frank Ocean mag. Letzteres besänftigte den Großen ein wenig. Wir hatten eine kleine Schnittmenge gefunden. Erst da fiel mir auf, wie weit unsere Medienwelten auseinanderklaffen. Hier die Unaussprechliche und ich, die das ORF-Sendeschema internalisiert haben, egal ob jenes im TV oder in Ö1, dort die zwei Buben, die Medieninhalte nur mehr auf Abruf kennen. Der Teenie bezieht ebenso wie seine Freunde den Großteil seiner Informationen über Instagram (was für ein Glück, dass wir dort als öffentlich-rechtlicher Medienbetrieb präsent sein dürfen). Schnittlauchlocke (er ist drei Jahre jünger) erfährt alles, was er glaubt, wissen zu müssen, über TikTok – selbst Rezepte für eine 5-Minuten-Pizza.

So gesehen gäbe es für jeden von uns beim anderen Nerdkacke zu finden (danke, Großer, für dieses wunderbare Wort). Diese Fragmentierung macht es uns auch gesellschaftlich zunehmend schwer. Die verbindliche Erzählung, der wir früher beim abendlichen Lagerfeuer namens TV lauschten, ist uns abhandengekommen, wie schon vielfach beklagt. Die Paralleluniversen, in die sich Menschen zurückziehen, nennt man heute Bubbles. Es sind jene Blasen, in denen sich jeder seine eigene Wirklichkeit zimmern kann, ohne Rücksicht nehmen zu müssen auf Fakten oder Spielregeln, wie sie etwa die Wissenschaft liefert. Entsprechend schwierig wird dann mangels gemeinsamer Basis auch die Diskussion. Davon lebt allerdings die Demokratie. Zu einer gemeinsamen Basis zurückzufinden und die Bubbles zu kommunizierenden Gefäßen zu machen (dazu müssten die klickorientierten Plattformen ihre Spielregeln ändern), wird für ein friedliches Zusammenleben entscheidend sein. Sonst ersticken wir in Nerdkacke.

*Nerds sind Menschen mit besonderen Interessen und sozialen Defiziten…

Robi und seine Freunde

(aus: Ö1-GEHÖRT, März 2021)

Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich behaupten: Corona hat die Fortpflanzungsrate unter Staubsaugerrobotern erheblich gesteigert. In meinem Umfeld vermehren sie sich gerade rasant. Und alle bekommen sie Namen. Kollegin Julia nennt ihren majestätisch Karl-Ludwig und schickt Videos von seiner Arbeit (nach food-porn jetzt also floor cleaning-porn als neuer Trend?). Stefan nennt seinen automatischen Sauger sehr prosaisch Sklave; man muss ihm seine poesielose Benamsung nachsehen, er ist Techniker.

Beim IT-Experten Peter heißt er Anna, „wie die polnische Putzfrau“ seiner Eltern. Wie ich bei einer Umfrage überhaupt lernen musste, dass Menschen auch den absonderlichsten Geräten Namen geben. Prometheus als Rufname für eine Heißluftfritteuse ist schon sehr speziell, ebenso wie Brutus für einen Herd (da würde ich den Messerblock weit wegstellen). Manchmal entwickeln sich ganze Genealogien: „Mein Staubsaugerroboter heißt Staubjohann, weil der Mähroboter meines Vaters Johann heißt“, schreibt mir Elke. Und bei Irene heißen überhaupt alle Geräte Franz, „weil der Chef so heißt“ und offenbar endlich mal was arbeiten soll.

Vielleicht haben auch die zahlreichen Lockdowns dazu beigetragen, dass Menschen jetzt vermehrt mit ihren Maschinen reden. Nachdem der humane Kontakt seit einem Jahr stark eingeschränkt ist, begnügen wir uns auch mit dem Technikpark als Konversationspartner. „Anthropomorphismus“ nennt die Wissenschaft den Hang, Geräte zu vermenschlichen. Entsprechend werden die elektronischen Helferleins auch gelobt, wenn sie tun, was sie sollen („Brav, Robi“!), oder mit Kosenamen bedacht, um sie günstig zu stimmen („Staubi, Waschi, Spüli“, wie Ruth sagt), und andererseits mit übelsten Schimpfwörtern bedacht, wenn sie renitent sind.

Auch bei uns daheim hat das verstärkte Homeoffice zu einer Lurch-Invasion geführt. Hier übernimmt ein humanoides Modell namens Franz das Staubsaugen. Er ist seiner Meinung nach pflegeleicht, vergisst manchmal unter dem Bett zu saugen und lädt sich nachts in horizontaler Lage auf.

Jetzt will die Unaussprechliche ein verlässlicheres elektronisches Modell. Es ist mir auch wurscht, wenn der Lurchschlucker dann wieder Franz heißt.

Klagen über Klagen

(aus: Ö1-GEHÖRT, Februar 2021)

Das Leben macht momentan nur kleine Schritte. Eine Weile führten sie überhaupt nur bis zur Gartentür. In der biedermeierlichen Gefangenschaft zwischen Idyll und Dystopie vergesse ich manchmal, dass sich draußen ein virtuelles Paralleluniversum befindet – die Welt der Amazons und der anderen, die die Pandemie im Gegensatz zu uns noch stärker gemacht hat. Die Politik kommt jetzt quer über den Globus zur Einsicht, dass die Giganten ob ihrer weltumspannenden Macht demokratiezersetzend sein könnten.

Der Online-Riese ist nicht nur Versandhändler, er ist auch Verkaufsplattform für viele kleine Betriebe. Darum weiß er über die Preisentwicklung jeglicher Produkte Bescheid. Er kann in die Verkaufsbücher der Händler blicken und alle Daten auswerten. Entsprechend passt er die Preise seines eigenen Angebots an. Die EU-Kommission hat vor kurzem mit einer Kartellklage gegen Amazon auf diesen desaströsen Wettbewerbsvorteil durch Datensammeln reagiert.

Selbst der US-Administration wurde Googles Dominanz nun zuviel. Texas und neun andere Bundesstaaten haben die Google-Tochter Alphabet verklagt, weil die Suchmaschine ihr Quasi-Monopol ausnutzt und keinen freien Wettbewerb mehr zulässt. Dabei ist dies nur eine von mehreren Klagen, denen sich Google gegen Ende des Jahres in den liberalen USA stellen musste.

Facebook wiederum sieht sich Klagen von 48 Bundesstaaten samt US-Bundeshandelskommission gegenüber. Es hat mit dem Kauf der Fotoplattform Instagram und des Messenger- und Nachrichtendienstes WhatsApp ebenfalls ein Monopol geschaffen. Und es macht auf diesen Plattformen Meinung, weltumspannend. Weil obskure Verschwörungstheorien „klickfreundlich“ sind – das Geschäftsmodell des Datenhändlers Facebook, werden sie natürlich von den intransparenten Algorithmen nach wie vor bevorzugt. Was manche selbst an der Kugelform der Erde zweifeln lässt. Daran kann auch Marc Zuckerbergs Lieblingsphrase Marc Zuckerbergs, „I am sorry“, nichts ändern.

Über die zahlreichen Sprachassistenten wie Siri oder Cortana steuert eine Handvoll Netz-Goliaths nicht nur unsere Einkäufe und unsere Meinungen, sondern auch unsere Häuser und Wohnungen. So viel Macht in der Hand so weniger tut uns nicht gut. Ich glaube, ich werde Alexa in Rente schicken.

Verwahrlost und verzweifelt

(aus: Ö1-GEHÖRT, Jänner 2021)

2020 hat unsere Familie etwas verwahrlosen lassen. Wir 4 sitzen in 4 Räumen vor 4 Computern und tippen auf 4 Tastaturen ein. Aufgrund unterschiedlicher Online-Termine in Homeschooling- und Homeoffice sehen wir uns bis zum Abend nur auf dem Weg zum Kühlschrank. Manchmal schickt mir die Liebste ein Kuss-Smiley durch die Wand, das in etwa so viele Kilometer durch Glasfaserleitungen zurücklegt, wie wir in diesem Jahr gerne gereist wären. Und wenn sie manchmal fragt „Wo sind die Buben?“, antworte ich: „im Internet“.

Schlimmer kann die Ortslosigkeit in diesen Zeiten nicht mehr werden.

Nach 30 Tagen Quarantäne hatten wir noch 1 Tag, bis wir uns in den Lockdown begaben. Und wenn es kein merkbares physisches Lebensumfeld mehr gibt, weil wir seit 1. Oktober kaum mehr jemanden in 3D sehen, dann verschwindet auch der Raum, in dem man sich gerade aufhält.

„Heute Nacht bist du aber spät heimgekommen“, sagte die Unaussprechliche – ohne Tadel – vor ein paar Tagen. In „Wirklichkeit“ saß ich mit dem Gitschtaler Freund Uli bis nach Mitternacht virtuell zusammen – verbunden über eine Datenleitung und einen Notebook-Monitor. Mein „Heimweg“ bis zur Schlafzimmertür war nicht länger als 5 Meter. Uli und ich ließen uns sogar hinreißen, die Hände am Bildschirm aneinander zu drücken, was in unserer Männerfreundschaft eine körperliche Sensation ist.

Wo unser Leben dabei ist, in eine ortslose Teleexistenz abzudriften, wird uns das Physische und Analoge klarerweise wieder viel wichtiger. Möglicherweise bleibt von diesem ungewollten Feldexperiment mit Virus und Virtualität tatsächlich etwas zurück, was unser Leben in den nächsten Monaten besser macht: sei es die Konzentration auf weniger und enge Freunde, statt dem Herumgehetze zwischen vielen Schauplätzen und Bekannten, oder sei es der gezieltere Einsatz von Technologie, den wir jetzt gezwungenermaßen bis weit hinter das Lebenswerte ausgedehnt haben.

Bald wird es vielleicht Luxus sein, NICHT auf Bildschirme starren zu müssen oder KEINE VR-Brille nötig zu haben. Oder wie es ein Bekannter schon vor 20 Jahren ausdrückte: Wenn du es wirklich geschafft hast, brauchst du kein Handy mehr.

Im Dezember, anlässlich der 300. Ausgabe von Ö1-Gehört, hat Bibiane Zeller-Presenhuber, in der Kolumne die „Unaussprechliche“, auf meine Kolumnen reagiert 🙂 Und so gehörte Kolumne #80 der Liebsten:

Entgegnung

(aus: Ö1-GEHÖRT, Dezember 2020)

Seit zwei Wochen haben wir eine zweite Alexa im Haus. Und das obwohl ich nicht einmal den ersten sprechenden Lautsprecher offiziell genehmigt habe. Sie wundern sich jetzt über diese Wortwahl? Überraschung! Hier schreibt nicht wie üblich der Digital-Gemahl, sondern dessen Frau – hier besser bekannt als „die Unaussprechliche“.

Nach dem Kauf unserer ersten Alexa wurde jetzt ihre Schwester in elegantem Weiß geliefert. Sie darf im Badezimmer wohnen. Angeblich brauchen wir sie, um mit den Kindern im Untergeschoss kommunizieren zu können. Die jedoch ignorieren die Aufforderung via Alexa zum „Handy abschalten“ oder zum „Essen kommen“ nicht weniger, als wenn wir mit unserer eigenen Stimme durch das Haus brüllen. Jetzt habe ich mir gedacht, wenn das Teil nur irgendwie Sinn machen soll, dann muss ich diese Fehlinvestition für mich persönlich nutzen. Seither sortiere ich penibel das Online-Angebot sämtlicher Schuhläden. Die Webseiten lasse ich am Computer absichtlich geöffnet, um dem Liebsten etwas Angst einzuflößen. Bestellt habe ich bislang noch keinen einzigen Treter. Bitte verraten Sie das nicht meinem Mann. Den Schweiß auf seiner Stirn angesichts diverser Modelle mit roten Sohlen oder scheußlichem Leopardenmuster möchte ich gern noch etwas länger genießen.

Wissen Sie eigentlich, dass mein Mann ein Messie ist? Er sammelt angefangen von Schrauben in allen Größen über ausrangierte Geräte und Ladekabel bis zu Accessoires aus diversen Urlauben einfach alles. Wenn er sich von einem einzigen Teil trennt, kommen tags darauf mindestens zwei Pakete eines Online-Anbieters, der in unserem Haushalt vom Nachwuchs zum „No-Go“ deklariert wurde.

Ganz schlimm ist sein Faible für elektronische Geräte. Als ich kürzlich meinem Chef erklärte, dass wir neben einem Sous-Vide-Gerät zum Garen von Fleisch, zwei 3D-Druckern, drei Drohnen und zwei Vakuumier-Geräten auch einen Mäh-Roboter besitzen, meinte er „Da fehlt noch der Laubsauger für den herbstlichen Blätterwald“. Tja, den haben wir selbstverständlich auch.

Ich aber werde mich jetzt dem neuen weißen Lautsprecher anvertrauen. „Alexa, bitte bestelle alles aus meinem aktuellen Warenkorb.“ Und nein, da ist nicht das drin, was sie glauben!